Die Schuld

Bei Kain und Abel war die Schuld nicht schwer,
der Brudermord, der gibt nicht so viel her.
Die Heiden töteten das große Heer,
oder umgekehrt, das interessiert nicht sehr.

Heute ist es wunderbar,
das Geld regiert und wir sind immer da.
Religion ist weg, wir leben für das Geld
und für die Macht, ihr gehört die Welt.

Doch in nicht ganz vielen Jahren
werden wir es sehr erfahren,
dass die Menschheit dieser Zeit
nicht genügt der Ewigkeit.

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Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmarkt hat angefangen.
Groß ist das Menschenverlangen
zu erhaschen eine Mahnung
von wem, von was, ach, keine Ahnung.
Alles strömet zu der Tanne,
schön ist es für Frau und Manne.
Es gibt Glühwein, Bratwurst, Waffeln,
alle saufen, fressen, gaffeln.
Wie schön ist doch die Weihnachtszeit,
unser Tod, der ist noch weit.
Bis dahin lassen wir es schmecken,
erst gut leben, dann verrecken.

Wanderergespräch Nr. 3

„Sind Sie auch hier in Urlaub?“
„Nein, ich lebe mit meinem Mann hier schon seit drei Jahren“.
„Ach so. Schade. Da kennen Sie sich ja hier aus.“
„Ja, ein bisschen schon. Wieso schade?“
„Na ja, Sie sind eine schöne Frau und würden mir gefallen. Ich mache nämlich alleine hier Urlaub. Meine Frau ist zu Hause geblieben. Aber Sie haben ja einen Mann.“
„Danke für das Kompliment. Ja, ich bin vergeben. Wo kommen Sie denn her?“
„Aus Emmendingen. Sie wissen natürlich nicht, wo das ist.“
„Es ist in der Nähe von Freiburg. Ich habe dort eine Zeitlang gelebt und studiert.“
„Ach so, eine schöne Frau und auch noch gebildet. Ist Ihr Mann auch gebildet und ist er noch rüstig?“
„Ja, ich habe einen sehr netten Mann, er ist kräftig und einige Jahre jünger als Sie.“
„Na ja, ich war Vizemeister im Diskuswerfen.“
„Sehr interessant, ist wahrscheinlich 50 Jahre her.“
„Sie belieben zu scherzen. Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern. Aber ich bin immer noch sportlich, tanze, spiele Golf und ab und zu Tennis.“
„Ich bin sehr beeindruckt.“
„Ja, und ich habe viel Geld. War in der Entsorgungsbranche und hatte eine große Firma.“
„Verstehe. Und dann kommen Sie hierher, in diese preiswerte Gegend, zum Urlaubmachen? Warum nicht in der Schweiz oder auf den Seychellen?“
„Ach, schöne Frau. Da war ich doch schon. Ich habe die ganze Welt gesehen. Mache jedes Jahr eine Kreuzfahrt, manchmal auch zwei. Da gibt es schönen Luxus und viele nette Frauen.“
„Nehmen Sie denn Ihre Frau nicht mit?“
„Nein, sie ist eher bieder.“
„Was heißt bieder? Liebt sie keinen Urlaub und keinen Luxus?“
„Doch, schon, aber nicht mit mir.“
„Das klingt aber nicht gut. Sie müsste doch auf einen Mann wie Sie stolz und gerne bei ihm sein.“
„Im Laufe der Jahre verändern sich halt die Interessen. Sie interessiert sich für andere Sachen als ich.“
„Wofür interessiert sie sich?“
„Na ja, sie liebt die Natur, Vögel, Schmetterlinge. Sie malt und spielt Klavier. Tanzen mit mir mag sie nicht, essen und trinken können wir zusammen; aber dann liebt sie diese seltsame südliche Musik. Alles seltsam und ein wenig widerlich.“
„Also finden Sie die Sachen, die Ihre Frau liebt, widerlich?“
„Nein, natürlich nicht. Wie ich schon sagte, im Laufe der Zeit gehen halt die Interessen auseinander.“
„Ok, mein Mann und ich müssen uns auch immer zusammenraufen. Aber irgendwann klappt das. Dann finden wir einen Kompromiss.“
„Sie glückliche, schöne Frau. Wenn ich mal so fragen darf – nun gut, Sie sind ja noch nicht alt, aber ganz jung auch nicht mehr, ist denn im Bett auch noch alles gut?“
„Bei uns eigentlich schon. Im Laufe der Zeit wird es etwas weniger, aber trotzdem ist es schön. Bei Ihnen nicht?“
„Ich weiß nicht, was meine Frau will. Sie träumt wahrscheinlich von jüngeren Männern. Aber ich nehme ab und zu Viagra (im Vertrauen). Dann bin ich stundenlang knochenhart, aber ihr scheint das nicht zu genügen.“
„O weh. Hoffentlich wird das bei uns auch nicht so, wenn wir älter sind.“
„Was heißt älter? Ich bin total fit und suche eine junge, knackige Frau.“
„Ich muss weiter. Viel Spaß bei der Suche.“

Advent

Adventsgedöns, Marktgeschrei,
den Kindern ist es wohl dabei,
denken Alte und sind froh,
doch die Kinder finden’s grässlich.
Weihnachtsbäume, ach wie hässlich.
Was soll das Advendsgetue?
Warum müssen wir dabei sein?
Was soll das ganze Jesus-Getue?
Wir würden lieber Spiele spielen.
Alte, lasst uns ganz in Ruhe.
So denken sie, die jungen Bösen,
der Herrgott wird sie gern erlösen.

Die Jugend

Die Schule nervt und auch die Alten.
Sie sind blöd und haben Falten.
Schwafeln von den Nazijahren,
Die sie selbst nicht mehr erfahren.

Was wollen diese Deppen nur?
Uns belehren, keine Spur.
Ihr wisst doch nichts von dieser Zeit.
Eure Welt ist schon Vergangenheit.

Wir wollen hier und heute leben,
die Welt verstehen, vieles geben
von dem, was wir umsonst bekommen.
Wir sind nicht heilig, keine Frommen.

Wir rasen mit 300 Sachen,
und lassen es ganz kräftig krachen.
Manchmal kommt der Tod ins Haus,
wir aber machen uns nichts draus.

Die Haut ist glatt, die Lippen rot.
Wir sind lebendig und nicht tot.
Alles ist kräftig, alles stark,
in den Muskeln, bis ins Mark.

Das Herz ist stark und auch der Magen,
wir können noch zehn Bier vertragen.
Und ein Riesensteak dabei,
uns Jungen ist das einerlei.

Die erste große Liebe zart,
der Zipfel, er ist ständig hart,
und zärtlich krault man das Genick,
auch den Hals, das Lendenstück.

Wir warten freudig auf die Zukunft
und den nächsten Wiegentag.
Möchten schnell „erwachsen“ sein,
weil man die Jugend nicht mehr mag.

Die Frauen sind so schön und bunt
gertenschlank und kerngesund.
Der Geigenhimmel kunterbunt,
wir sind jung, der Jugendfund.

Die Welt ist schön, wir lachen nur,
sind ohne Angst, nein, keine Spur.
Die Taschen sind zwar immer leer,
der Papa hilft; das Amt gibt mehr.

Wir freu‘n uns auf die große Liebe
und auf die kleine, nach dem Triebe.
Wir lassen laufen unsren Sex,
und leben diese Welt auf Ex.

Der Arbeitgeber melkt uns immer,
er nimmt uns unsren Lebensschimmer.
Ohne ihn, wir könnten uns schön laben,
leben, saufen, Urlaub haben.

Die Bank gibt uns noch ganz viel Kohle,
viel Kredit, zu unsrem Wohle.
Für das Auto und das Haus.
Nur wird oft leider nichts daraus.

So geh’n sie hin, die schönen Jahre,
bis endlich liegst du auf der Bahre.
Und hinter dir, da lag das Leben.
Hast du richtig gehandelt eben?

Hättest du nicht mehr lernen sollen,
mehr geben denen, die nichts haben?
Der Gerechtigkeit den Tribut zollen,
gib‘ ihnen ein paar gute Gaben.

Der erste Mitreisende erwidert:

„Das ist aber viel auf einmal!

Ich habe verstanden:
Niemand weiß etwas. Unser Verstand bringt uns aber dazu, etwas zu suchen. Suchen können wir jedoch nur im Diesseits. Das Jenseits ist uns verschlossen.

Dabei, so habe ich gehört, macht das Jenseits aber die viel größere Zeit aus. Das erscheint mir plausibel. Die meiste ‚Zeit‘ waren wir nicht da und werden wir nicht da sein.

Andererseits aber scheinen offenbar viele Menschen gar nicht an ein ‚Jenseits‘ zu glauben. Also: Alles, was vor mir war und was nach meinem Tode sein wird, ist unbedeutend, spielt keine Rolle. Jedenfalls nicht für mich. Ich bin, erdgeschichtlich gesehen, sozusagen eine ‚Eintagsfliege‘.

Das kann ich einfach nicht glauben. Bin ich so unbedeutend? Ist alles, was ich denke und fühle, wo ich herkomme und hingehe, irrelevant? Wozu habe ich meinen Verstand? Was bedeutet die Liebe – nicht nur die sexuelle, sondern die Liebe insgesamt?

Die Atheisten argumentieren mit den Naturwissenschaften und mit den Philosophen. Neulich habe ich eine Rede von einem gewissen ‚Philipp Möller‘ gehört, der von vielen beklatscht und als ‚kluger Kopf‘ bezeichnet wurde. Eine atheistische Stiftung hat ihn sogar in ihren Beirat aufgenommen.

Ich habe seine Rede mehrfach angehört und bin aus ihm nicht klargekommen:

Er vergleicht Gott mit der ‚Zahnfee‘ – es sei ebenso absurd, an ihn zu glauben, wie an sie. ‚Beweisen‘ könne man beide nicht.

Seiner Ansicht nach ist also jeder Mensch, der sich Gedanken über sich selbst, das Diesseits und das Jenseits macht, sich nicht einfach mit den oberflächlichen ‚Erkenntnissen‘ der heutigen Naturwissenschaften zufriedengibt und nach einem Gott sucht, ein kindliches Gemüt, das an die ‚Zahnfee‘ glaubt.
Welch kindliches Gemüt ist dieser Herr Möller, muss ich da sagen!“

Der erste Mitreisende fährt fort:

„Klar, dieser ‚Herr Möller‘ spielt den Naiven. Er wirft in den wenigen Minuten seines Redebeitrages öffentlichkeitswirksam und populistisch alles zusammen – Religion, Philosophie, Staat – zimmert daraus ein diffuses Gebäude aus ‚Aufklärung und Humanität‘ und endet in einem Aufruf zur ‚Ethik für die Menschen und alle anderen Tiere‘. Er spricht vom Glauben ans ‚Diesseits anstatt dem Jenseits‘ und hält es mit dem Motto: ‚lieber Heidenspaß anstatt Höllenqual‘.

Er kommt vom Glauben an das Gute und Böse und die Bekämpfung der ‚Anderen‘ in den Religionen zu Epikur (seltsam: Platon und Aristoteles lässt er weg, sind wohl zu unbedeutend) über Kant, Nietzsche und Feuerbach zum Papst, zur Steuerung der katholischen Kirche durch den Vatikan, zur Kirchensteuer in Deutschland und Verwendung derselben, zu unseren Politikern und den ‚Werten des christlichen Abendlandes‘ (die ja erst gegen die Religionen erkämpft werden mussten) bis hin zur Homophobie und Islamophobie. In 2000 Jahren habe sich das Christentum von den alten Mythologien und einer ‚primitiven Herdenkultur‘ zu seiner heutigen Form entwickelt.

Unser Bootslenker hat vorhin über die Atheisten gesagt (oder war es über die Ungläubigen oder hat er beide auf einen Haufen geworfen?):

‚Ein bisschen graust es mir vor diesen Menschen‘.

Ja, so kam mir die Rede des ‚Herrn Möller‘ vor. Ein bisschen graust es mir vor diesem und allen anderen, die ihm begeistert zuklatschen.

Ich denke, die Menschen sind ‚Rosinenpicker‘. Unsere derzeitige Bundeskanzlerin Merkel hat diesen Ausdruck nach der Volksabstimmung im Vereinigten Königreich zum EU-Austritt verwendet. Die ‚EU-Nein-Sager‘ wollen nicht mehr dazugehören, aber trotz des Austritts keine Nachteile daraus haben. Die anderen EU-Bürger, die (noch) dazugehören, wollen aber aus ihrer EU-Mitgliedschaft nach Möglichkeit ausschließlich Vorteile haben. Der Begriff der ‚Solidarität‘ ist zum Fremdwort geworden.

War unsere ganze bisherige Menschengeschichte ein Fehler? Sind und waren alle Religionen unnötig oder sogar schädlich? Was ist mit der Geschichte der Religionen und der Philosophie? Können wir uns aus dieser und aus der Menschengeschichte insgesamt nur die uns passenden ‚Rosinen‘ herauspicken?

Haben denn so viele Menschen keine Lust mehr zu denken? Gewiss, wir können uns Begriffe heraussuchen, die uns gerade in den Kram passen, wie z.B. ‚Demokratie‘, ‚Humanismus‘, ‚Humanität‘, ‚Aufklärung‘, ‚Ethik‘, und diese in oberflächlichster Art und Weise hinausposaunen. Das Ganze wird einigermaßen rhetorisch geschickt mit lustigen Wortspielen garniert, und schon haben wir die Klatscher auf unserer Seite, und auch in den sozialen Netzwerken kommt es gut an.

Ich stelle mir die Frage, wie es mit unserer Bildung weitergeht. Was soll aus unseren Kindern und Enkeln werden? Oder ist das bei unserer Bootsfahrt nicht so wichtig?“