Armageddon

Auf den Bergen brennt der Schnee,
und die Erde bebt.
Die Luft erglüht, ein Feuer rast,
wohl dem, der nie gelebt.
Ein Gifthauch aus den Wolken fällt,
und gelb verdorrt das Gras.
Das Ende allen Seins ist nah,
von dem man einstmals las.
Aus Abrahams und Jakobs Stamm
erlebt es keiner mehr.
Die Welt ist tot, die Zeit vorbei,
es bleibt ein Flammenmeer.

Da stürmt die Ordnungsmacht herbei
und kühlt den heißen Stein.
Es jauchzt und singt ein Engelschor
zu einem neuen Sein.

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Das Feuer

Es war die Hölle am 23. Mai in Pfarrkirchen am Flüchtlingshaus. Nachdem sich zwei dunkle Gestalten eilends entfernt hatten, kam um 03.45 Uhr eine Flamme auf das Haus zu, die sich an der hölzernen Haustür in wenigen Sekunden zur Feuerwalze entwickelte. Die Flammen fraßen sich in großer Geschwindigkeit durchs ganze Gebäude. Schnell stand das Treppenhaus lichterloh im Feuer, so dass niemand das Haus verlassen konnte. Bereits nach 10 Minuten war die Feuerwehr da. Die Feuerwehrleute begannen, mit der Drehleiter und dem Rettungskorb die Menschen zu retten. Einige der Hausbewohner, vor allem junge, kräftige Männer, sprangen aus den Fenstern. Auch Rudi war einer der Feuerwehrmänner. Er konnte zwar die Menschen, die hier lebten, nicht leiden. Aber löschen und retten, dafür ließ er alles stehen. Sogar das Bier. Aber heute Nacht hatte er gar kein Bier getrunken. In weniger als 15 Minuten hatten alle Bewohner das Haus verlassen. Es waren hauptsächlich junge Männer, aber auch zwei Familien. Die letzte war eine fast bewusstlose junge Frau, die wohl eine Rauchvergiftung erlitten hatte, aber trotzdem bei ihrer Rettung wild um sich schlug. Bei der Brandlöschung war nichts mehr zu retten. Das Haus, das teilweise aus Fachwerk bestand, war fast völlig ausgebrannt. Erst später fanden die Retter in den Trümmern die verkohlte Leiche eines fünfjährigen Jungen.
*
Es war ein warmer Maiabend. Franz S. traf sich mit seinen drei Freunden im Biergarten in Eggenfelden. Sie tranken viel, redeten über den FC Bayern, die Formel 1 und dann politisierten sie. Nach der dritten Halben kam das Thema auf die Flüchtlinge in Bayern. Sie stellten gemeinsam fest, dass diese die Heimat zerstörten. Sie kamen über das Mittelmeer oder den Balkan, die Merkel hatte sie hereingelassen. Und jetzt lungerten sie hier herum, waren keine Christen, und immer wollten sie die bayerischen Mädchen ficken.
Sie wurden von den Steuergeldern finanziert, hatten ihre Pässe angeblich verloren und stellten Asylanträge. Nicht einmal Bier durften sie trinken, weil Allah es verboten hatte. Aber bei der Frühlingsdult neulich, da waren sie frech geworden. Rudi war dabei gewesen. Da hatte es das Flüchtlingspack übertrieben, es waren drei, halbschwarz oder braun, jedenfalls nicht europäisch. Sie hatten bayerische Mädels angequatscht. Rudi und seine Freunde hatten das gesehen und den jungen Männern die rote Karte gezeigt. Sie stießen sie und schubsten sie aus dem Zelt. Die schrien irgendetwas, Deutsch war es jedenfalls nicht und schon gar nicht Bayerisch. Es klang wie „Mädels für alle da.“ Jedenfalls war es eine Frechheit. Sie wollten sich wehren, aber das bekam ihnen schlecht. Rudi und seine Spezis zeigten ihnen, wo der Bartel den Most holt. Einer von denen zog ein Messer, da ging es voll zur Sache. Der Messerträger blieb liegen, sie alle traten auf ihn ein, aber da rief jemand „Polizei“, und sie hauten ab.
„Schade, dass ich nicht dabei war“, sagte Michael. „Solche Säue“, ergänzte Klaus. „Ins Krankenhaus haben sie ihn gebracht. Bestens versorgt. Den Asylantrag haben sie abgelehnt. Wegen dem Messer. Hat aber nix genutzt. Abgeschoben wird er nicht. Er haust wohl immer noch im Heim.“
Sie tranken noch eine Halbe. „Prost“, sagte Franz. „Wir sollten das ganze Pack verbrennen.“
Die anderen waren still und glotzten in ihr Bier. „Ja, das wär‘ eine Gaudi“, sagte Klaus endlich zu Rudi. „Deine Spezis von der Feuerwehr hätten wieder mal was zum Löschen.“ „Das große Flüchtlingsheim ist in Pfarrkirchen. Da haust das ganze Volk“, sagte Michael. „Einen Kanister Benzin und ein Streichholz, mehr braucht es nicht“, „wir müssen nur warten, bis es dunkel ist.“ „Man darf sich nur nicht erwischen lassen“, sagte Rudi. Die anderen stimmten ihm zu. Franz und Klaus sahen sich an und nickten sich leise zu.
*
Der Brand in der Flüchtlingsunterkunft füllte tagelang die Nachrichten. Nicht nur in Niederbayern, sondern in ganz Deutschland. Viele Menschen sagten, es sei erschütternd. Das tote Kind habe doch niemandem etwas getan. Manche aber sagten nichts. Die Polizei hatte eine Sonderkommission von 30 Beamtinnen und Beamten gebildet. Sie suchten den oder die Täter und führten im ganzen Rottal und darüber hinaus Hausbefragungen durch. Nach und nach verdichteten sich die Hinweise auf einen jungen Kranfahrer namens Rudi Z. Es gab zwar keine konkreten Spuren, die ihn belasteten, aber es gab immer wieder Zeugenaussagen. Einige hatten ihn bei dem Vorfall an der Frühlingsdult gesehen. Als sie den jungen, mit einem Messer bewaffneten Asylbewerber niedermachten. Und er hatte kein Alibi. Rudi hatte viele Freunde, aber sie hatten alle Alibis. Von den Müttern, den Ehefrauen, den Spezis, den Freundinnen. Alle waren in Gesellschaft, meist im häuslichen oder ehelichen Schlafgemach, gewesen, als der große Brand ausbrach. Franz S. war nicht im ehelichen Schlafzimmer gewesen, aber seine Frau, die Moni, schämte sich.
Und so kam es, dass Rudi in Haft genommen wurde. Und er wurde auch verurteilt. Wegen Brandstiftung und fahrlässiger Tötung bekam er am 28. Oktober neun Jahre Freiheitsstrafe. Obwohl er immer wieder seine Unschuld beteuerte. Aber ein Schuldiger musste gefunden werden. Die Menschen brauchten einen Schuldigen. Für ihr Gemeinschaftsgewissen. Sein Anwalt ging in Berufung. Aber das nutzte Rudi nichts.
*
Sobald es die Justiz erlaubte, bekam Rudi Besuch im Knast. Seine Mutter und seine Schwester kamen. Und auch seine Freunde. Rudi war verzweifelt. Als Franz S., Klaus und Michael kamen, schrie er sie an: „Vielleicht war es einer von euch. Ihr seid mir schöne Spezis. Einer muss es ja gewesen sein. Ich war es bestimmt nicht.“ Die Freunde sahen sich an und zuckten mit den Schultern. Michael sagte nichts. Franz war ebenfalls still. Klaus sagte: „Du siehst doch, es war niemand von uns.“ „Woher willst du das wissen?“ fragte Rudi. „Ich war es jedenfalls nicht“, sagte Klaus. „Warst Du es, Franz oder du, Michael?“ Beide schüttelten den Kopf. „Aber wir haben doch davon gesprochen“, sagte Rudi. „Davon sprechen und es tun ist zweierlei“, sagte Klaus. „Vielleicht war es irgendjemand. Ist ja auch egal.“ „Egal?“ schrie Rudi, völlig verzweifelt. „Haut doch alle ab, ich sitze hier unschuldig für irgendjemanden.“ „Ich bin doch Feuerwehrmann, will retten und niemals Kinder umbringen.“ Die anderen zuckten mit den Schultern. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen.
*
Das Auto von Franz hatte einen Platten. Es war dunkel. Er wollte von Pocking nach Fürstenzell fahren und nahm einen Weg mitten durch die Pampa. Durch die Felder und an der Rott entlang. Denn er hatte schon drei Halbe getrunken. Da wollte er keinen Bullen begegnen. Franz war verheiratet, Autoschlosser und hatte zwei Kinder. Die Moni, seine Frau, schimpfte meist mit ihm. Seit der Geburt von der kleinen Anna wollte sie nicht mehr mit ihm ficken. Ganz selten jedenfalls. Sie sagte, er sei egoistisch, treibe sich nur mit seinen Spezis herum und trinke zu viel Bier. Da hatte er auf dem Haslinger Hof die Julia getroffen. Die war auch verheiratet, aber ihr Mann fuhr immer auf Montage zu den Saudis. Er baute Kraftwerke und verdiente ganz viel Kohle. Aber seine Frau ließ er alleine. Zu der Julia wollte er jetzt wieder fahren. Sie war zu Hause, wartete auf ihn und war schon ganz heiß auf den Franz. Das hatte sie ihm jedenfalls gerade auf WhatsApp geschrieben.
Franz arbeitete nicht so weit weg. Er hatte seinen Job in Dingolfing. Und das schon seit vielen Jahren. Da war ein Mitarbeiterrabatt von 20 % keine Seltenheit. Aber darüber musste er schweigen. Auch gegenüber den Freunden. Franz näherte sich mit seinem schwarzen, getunten 3er-BMW dem unbeschrankten Bahnübergang der Strecke Passau – Mühlbach. Es war November, stockdunkel und es regnete. Von der Bahn war nichts zu sehen und auch nichts zu hören. Die Bahn pfiff an dieser Stelle immer zweimal, bevor sie an den Übergang kam.
Schemenhaft tauchte vorne am Bahnübergang eine Mutter mit einem Kinderwagen und einem Kind an der Hand auf. Das Kind winkte. Winkte es ihm zu? Die Mutter mit dem Kinderwagen und das Kind, das sich jetzt von der mütterlichen Hand gelöst hatte, liefen mitten auf der Straße. „Verdammt, sie sollten da weggehen“, zuckte es durch das Hirn von Franz. „Wollen sie, dass ich sie überfahre?“ Er blendete auf. Aber sie gingen nicht weg. Einige Meter vor ihnen bremste er. Die Mutter hatte ein Kopftuch auf und war ganz weiß gekleidet. „Scheiß-Muslime“, brummelte Franz. Er zwängte seinen untersetzten Körper aus dem Auto. „Haut da ab“, schrie er und gestikulierte in ihre Richtung. Das Kind winkte wieder, und Mutter und Kind liefen vor ihm her. Sie liefen rückwärts. Im Scheinwerferlicht näherte er sich ihnen. Er hatte das Gefühl, nach vorne gezogen zu werden. Da hörte er ein gellendes Pfeifen. „Scheiße, der Zug kommt“, schrie er. „Geht da weg, ihr werdet überfahren.“ Er wollte nach den beiden greifen, aber sie waren verschwunden. Trotz sofortiger Vollbremsung durch den Lokführer wurde er zwischen den beiden Bahnwaggons eingequetscht und noch etliche Meter mitgeschleift. Er war auf der Stelle tot.
*
Klaus M. ließ das alles keine Ruhe. Rudi saß im Knast, und Franz war tödlich verunglückt. Klaus traf sich mit Michael in einem der ehemaligen Stammlokale der vier Freunde. „Warum ist Franz nur so blöd verunglückt?“ fragte er. „Aus dem Auto ausgestiegen und direkt in den Zug gelaufen.“ „Ich weiß nicht“, sagte Michael und bestellte noch zwei Bier. „Vielleicht ist ihm zu viel durch den Kopf gegangen. Der Rudi als Brandstifter im Knast, obwohl er behauptet, er sei es nicht gewesen. Das Scheißfeuer, der arme Bub, der dabei umgekommen ist. Er war zwar nur ein Flüchtlingsbub, aber das hat ja niemand gewollt. Sie sollen alle zu Hause bleiben, aber wir wollen sie doch nicht umbringen. Dann wären wir ja wie die Nazis. Aber wir alle haben alle vier damals so blöd dahergeredet, bevor das dann passiert ist. Wir können ja nichts dafür, aber vielleicht hat Franz sich einfach wegen dieses Daherredens irgendwie mitschuldig gefühlt. Scheißflüchtlinge. Ohne die würde Franz jedenfalls noch leben.“ Klaus trank sein Bier nicht mehr aus und verabschiedete sich schnell.
Klaus schrieb einen Abschiedsbrief, in dem er alles aus seiner Sicht erklärte, und im Februar hängte er sich im Dachgeschoss seines Elternhauses auf. Von Reue war allerdings keine Spur. Er wollte nur alles für seine verbliebenen zwei Spezis klären.
Rudi wurde sofort danach entlassen.

Lobrecht im Zoo

Professor Lobrecht ging spazieren
zu den Tieren in dem Zoo,
und das, was er dort erlebte,
machte ihn vergnügt und froh.
Er fand einen leeren Käfig,
Schlüssel steckte, stieg hinein,
setzte sich, denn er war müde,
schloss die Augen und schlief ein.
Als er später dann erwachte,
sah er viele Leute gaffen,
amüsierte sich ganz köstlich
mit den Augen eines Affen.

Dicht(er)

Ist ein Mensch kein Geisteslicht,
heißt es: „Der ist nicht ganz dicht“,
was so ungefähr besagt,
dass im Hirn ein Loch ihn plagt.
Will man diesen Schaden richten
und fängt Verse an zu dichten,
merkt man leider allzu früh,
dass vergebens ist die Müh;
und der weise Mann verzichtet:
Man wird nicht Dichter, wenn man dichtet.

Das Skelett

Einst lag in einem Fürstenbett
ein altes adliges Skelett.
Es ruhte, weiß und totenbleich,
auf Daunenfedern, mollig-weich.
Dort lag es viele hundert Jahre,
ersehnte seine harte Bahre
und auch sein kühles, dunkles Grab,
in das man es dann endlich gab.

Merke:

Auch das weichste Himmelbett
taugt nun mal nicht für ein Skelett.