Zwei Menschen

Zwei Menschen drehen sich im Kreis
und prahlen immer leerer.
Der eine ganz viel Blödsinn weiß,
dem anderen fällt’s schwerer.
Ein Weiser hört den beiden zu
und sagt, jetzt muss er schwanken:
„Ihr habt recht, ich geh‘ zur Ruh.
Die Menschheit wird’s euch danken.“

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Das Mondgedicht

Am Himmel oben zieht er
gemächlich seine Bahn;
aus seiner Höhe sieht er
die Erde staunend an
und denkt: „Von all den Affen,
die sich gezeigt auf ihr,
ward nicht so viel geschaffen
wie von dem Menschentier,
das in den paar Sekunden,
die es auf Erden rennt,
sehr viel herausgefunden
und doch so wenig kennt.
Wie ist die Menschenmasse
so klug und doch so dumm.
Bald bringt sich diese Rasse
wahrscheinlich selber um.“

Dies denkt der Mond und weiter
hellt er in seinem Lauf
als stiller Wegbegleiter
die Nacht der Erde auf.

Josés Schatz

In einem kleinen portugiesischen Dorf an der Küste des großen, gewaltigen Atlantiks lebte ein Fischerjunge. Er hieß José. Seine Eltern waren arm. Sie lebten in einer kleinen Hütte, zusammengebastelt aus Brettern, Blech und Segeltuch, nicht weit entfernt vom Strand. Josés Vater war ein Fischer. Nachts fuhr er in seinem Boot hinaus aufs Meer und warf sein Netz aus. Nicht viel fing er. Es reichte gerade, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. Manchmal durfte José mitfahren. Er liebte es, wenn die Wellen des gewaltigen, dunklen, unendlichen Ozeans das kleine Boot in die Höhe hoben und schaukelten. Vor sich sah er seinen Vater, mit sehnigen Händen geschickt das Boot und das Netz handhabend, und er fühlte sich geborgen. Er legte sich im Boot zurück, besah den funkelnden Sternenhimmel und träumte. Er träumte davon, eines Tages ein Mann zu sein. Ein großer und starker Mann wollte er werden, so, wie sein Vater einer war. Aber mehr noch wollte er. Er wollte reich sein. Sein Vater sollte nicht mehr so hart arbeiten müssen, ein großes Boot mit einem starken Motor sollte er haben. Ein schönes, weißes Haus wollte er bauen, in dem seine Mutter und seine zwei Schwestern leben konnten. Und er selbst wollte dann am Strand sitzen, den feinen Sand durch seine Hände rieseln lassen und den Wind von den fernen Azoren in seinem Haar spüren.

So träumte José.

Der Alltag sah freilich anders für ihn aus. Schon früh musste er seinem Vater helfen. Er belud den kleinen Wagen, mit dem der oftmals karge Fang auf den Fischmarkt gefahren wurde. Dann war er dabei, wenn sein Vater versuchte, einen möglichst guten Preis für die wenigen Fische auszuhandeln, die er in Stunden unsäglicher Arbeit gefangen hatte. Er musste lernen. Eines Tages würde es seine Aufgabe sein, die Familie zu ernähren.

Dann ging José zur Schule. Er mochte die Schule nicht. Wie ein Gefangener fühlte er sich dort. Die braven Schwestern vom nahe gelegenen Kloster gaben sich alle Mühe, ihm das Alphabet beizubringen. Aber Josés Gedanken waren nicht beim Unterricht. Sie schweiften über das Meer. Zu fernen Küsten, golden, voller Schätze und Edelsteine, wo sich Kokospalmen sanft in dem Wind wiegten und der Strand mit kostbaren Steinen übersät war.

So träumte José in der Schule.

Sein größtes Vergnügen war es, wenn die Schule aus war, wenn er nicht zu Hause helfen musste und er frei am Strand entlanglaufen konnte. Dann hielt er nach Schätzen Ausschau. Er lief vor den Wellen entlang, wenn die Flut kam, und wenn sie ging. Seine lebendigen, braunen, scharfen Augen, auf den Boden geheftet, sahen alles, was das Meer angespült hatte. Manchmal fand er eine kleine Münze, abgeschliffen von der Brandung, manchmal auch nur eine besonders schöne Muschel, die er mir nach Hause nahm und in einer kleinen Kiste sorgfältig aufbewahrte. Dann und wann las er einen Fisch auf, der bei Ankunft der Ebbe nicht mehr die Kraft gehabt hatte, sich ins offenen Meer zurückzubegeben. Er säuberte ihn, und voller Stolz brachte er ihn nach Hause.

Das war das Leben des kleinen José.

An warmen Abenden, wenn die Familie Josés vor der kleinen Fischerhütte saß, hatte er seinen Vater erzählen gehört. Er sprach davon, wie sein Großvater, Josés Urgroßvater, eines Tages ein kleines Holzkästchen am Strand gefunden hatte. Es war mit Goldstücken gefüllt gewesen und von der Flut angeschwemmt worden. Wahrscheinlich hatte es von einem untergegangenen Schiff gestammt und war auf unerklärliche Weise von der Kraft der unbekannten tiefen Strömungen des großen Atlantiks direkt vor den Füßen des Großvaters an Land gespült worden. Der alte Fischer wurde damals durch sein unverhofftes Glück weithin im Land bekannt. Er hatte sich ein neues Boot gekauft und war stolz damit aufs Meer hinaus gefahren. Daneben aber, so wurde leise erzählt, war ihm der neue Reichtum in den Kopf gestiegen. Er hatte sich dem Trunke ergeben, mit allerlei zwielichtiger Gesellschaft getroffen, Würfel gespielt und war eines Tages nach einem gewaltigen Sturm nicht mehr mit seinem neuen Boot zurückgekehrt. Es wurde gemunkelt, dass man damals, in der Nacht, als der Sturm war, weit draußen am Horizont einen gewaltigen Feuerschein gesehen hätte, der die Nacht für einen Moment hell erleuchtete, aber Genaues darüber wusste man nicht. Jedenfalls, so sagte Josés Vater, wäre plötzlicher Reichtum nicht gut für einen armen, rechtschaffenen Mann, und sie sollten alle mit dem zufrieden sein, was ihnen gegeben war.

Dies hörte José. Und er träumte.

Er wollte auch einen Schatz finden. Noch einen viel größeren, als ihn einst der Urgroßvater gefunden hatte. Und er würde weise damit umgehen. Er würde auch ein neues Boot kaufen. Ein schmuckes, weißes Haus würde er bauen. Und er würde nicht spielen und nicht trinken. Segensreich würde er das Geld wirken lassen und dafür sorgen, dass seine Familie nie mehr an kargen Tagen hungern und von einer dünnen Suppe und einem Stückchen Brot leben musste. Er lief am Strand entlang. Wenn die Flut kam und wenn sie ging. Tag für Tag. Seine Korkschuhe hielt er in der Hand, seine ausgefransten Hosenbeine waren hochgekrempelt. Sein scharfes Auge hielt Ausschau. Manchmal fand er eine Münze. Manchmal eine besonders schön geformte Muschel. Und er bewahrte sie in seiner kleinen Holzkiste auf.

*

José war alt geworden. Sein Leben hatte er voller Arbeit, aber glücklich verbracht. Er hatte fünf Kinder. Weiterhin lebte er in der kleinen Hütte, zusammengebastelt aus Brettern, Blech und Segeltuch, nicht weit entfernt vom Strand. Sein Haar war grau, fast schon weiß. Aber seine braunen Augen funkelten voller Tiefe und Freundlichkeit in seinem verwitterten Gesicht. Sein ältester Sohn durfte ihn nachts manchmal im Boot begleiten, wenn er sein Netz auswarf. Dann musste er ihm helfen, den kargen Fang auf einen kleinen Wagen zu laden, um ihn zum Markt zu bringen, wo er versuchte, einen möglichst guten Preis bei den Händlern zu erzielen.

Immer noch, wie als kleiner Junge, lief José am Strand entlang, wenn die Flut kam, und wenn sie ging. Immer noch hoffte er, einen Schatz zu finden, größer, als ihn einst Urgroßvater gefunden hatte. Und an warmen Abenden, wenn die Familie vor der Hütte saß, die Sterne über sich sah und dem Rauschen der Brandung zuhörte, erzählte er davon, wie es einst Urgroßvater, dem Ururgroßvater seiner Kinder, ergangen war, und wie man mit Reichtum weise umgehen sollte.

So erzählte José.

Und Tag für Tag lief er am Strand entlang. Wenn die Flut kam und wenn sie ging. An einem Nachmittag, es war spät im August, war er am Strand. Seine ausgefransten Hosenbeine hatte er hochgekrempelt. Seine scharfen, braunen, freundlichen Augen spähten auf den Boden. Die Flut kam. Sie kam früher als gewöhnlich. Gelblich sah er etwas im Sand glänzen. War es ein Goldstück? Sobald die weißschaumigen Gischtzungen der anspülenden Wellen sich zurückgezogen hatten und die nächste, viel größere Woge herandonnerte, hob er es blitzschnell auf. Es war nur eine Muschel. Leer, tot und ringsherum abgeschliffen. Jose betrachtete sie. Die Sonne schien auf sein verwittertes, gefurchtes, braungebranntes Gesicht. Er lächelte. Dann steckte er die seltsame, kleine Muschelschale in seine Hosentasche. Er würde sie aufbewahren. In der kleinen Holzkiste, die er schon als Junge gehabt hatte und in der sich allerlei Kostbarkeiten befanden, wenn auch von geringem materiellen Wert auf dieser Welt.

Plötzlich drang etwas an Josés Ohr, das wie ein Schrei klang. Er spähte hinaus auf das Meer. Hinter Wellenbergen sah er einen kleinen Punkt, golden glänzend wie die Strahlen der Sonne. Dann sah er nichts mehr. Da, wieder, eine gewaltige Welle umspülte seine Füße und benetzte seine hochgekrempelten Hosenbeine. Er kümmerte sich aber nicht darum und trat keinen Schritt zurück. Irgendetwas sah er steil von dem goldgelben Punkt in der Ferne in die Luft aufragen. War es ein Arm? Wieder hörte er einen Schrei. Sollte etwa?— Viele Touristen gab es neuerdings in dieser Gegend. Sie liebten das Meer und die Sonne. Sie spielten im Wechsel der Gezeiten, ohne diese zu kennen. Sie schwammen weit hinaus, spielerisch, die eigenen Kräfte überschätzend und kamen oft mit letzter Kraft ans Ufer zurück. Aber nie hatte es einen Unfall gegeben. Denn das Meer war an dieser Stelle des Ufers recht flach. Über hundert Meter konnte ein erwachsener Mann hinausgehen, ohne den Halt unter den Füßen zu verlieren. Sanft führte der Sand des Ufers in die Tiefe. Keine tückischen Felsen gab es.

Aber heute war die Flut früher gekommen. Da war das Meer tiefer.

Plötzlich war da wieder dieser leise Schrei. José sah jetzt zwei Arme. In wilder Bewegung warfen sie sich in die Luft. Der goldgelbe Punkt war darunter. José zögerte keinen Moment. Seine Korkschuhe ließ er fallen. Er warf sich in die Brandung. José war ein guter Schwimmer. Schon als Junge hatte er sich über die Wellen tragen lassen. Sein Vater hatte es ihm beigebracht, wie man sich unter Einsatz weniger Kräfte lange und bequem über Wasser halten konnte. Er schwamm. In ruhigen, tiefen Zügen bewegte er sich auf den goldgelben Punkt zu. Manchmal vernebelte eine große Welle seinen Blick. Er tauchte durch sie hindurch und hatte sein Ziel wieder im Auge. Erneut hörte er den Schrei. José schwamm hastiger; noch waren es mehr als fünfzig Meter. Den Arm sah er wieder. Gerne hätte er ihn ergriffen. Aber da kam wieder eine Welle. José glitt hindurch. Er sah in der Ferne einen Kopf vor sich. Lange, blonde Haare, von der Sonne beschienen. Zwei Arme erhoben sich, wild gestikulierend, in die Luft. Noch etwas mehr als dreißig Meter. José schwamm schneller. Seine Lungen schmerzten. Wieder eine Welle. Dann sah er nichts mehr. Es musste doch hier gewesen sein. Plötzlich sah er vor sich eine Hand aus dem Wasser aufragen. Vielleicht 10 Meter entfernt war es. Er konzentrierte sich. Alle Sinne nahm er zusammen. Jetzt musste er da sein. José tauchte. Das Salzwasser biss ihm in die Augen. Nur verschwommene Umrisse nahm er wahr. Da sah er vor sich etwas hell aufscheinen. Sein linker Arm griff danach. Kraftvoll tauchte er auf. Einen Körper hielt er in seinen Armen. Reglos war er. Goldblonde Haarsträhnen fielen auf den Rücken eines vielleicht zwölfjährigen Mädchens. Jose schrie. Er presste den zarten Mädchenkörper mit einem Arm an sich. Mit dem anderen hielt er sich über Wasser. Er wollte dieses Wesen zum Leben erwecken. Dies war sein einziger Wunsch. Da schlug das Mädchen die Augen auf. Blaue Augen hatte es, tief wie das Meer. José lächelte. Fest hielt er das Mädchen im Arm. Er schwamm dem Ufer zu. Sein Arm, mit dem er das Kind umklammert hielt, schmerzte. Aber er spürte es nicht. Eine große Welle holte ihn ein. José tauchte darunter hinweg. Sein Arm hielt fest das Mädchen umklammert. Ihre Augen waren wieder geschlossen. José drückte sie an sich. Er versuchte, sie während des Schwimmens zu schütteln. Wenn sie doch bloß wieder ihre Augen öffnen würde! Aber schlaff und reglos hing sie in seinem Arm. Schneller schwamm José. Alle seine Kräfte nahm er zusammen. Sein Herz raste. Immer wieder tauchte sein weißes Haar aus der Gischt auf. Eine gewaltige Woge hob ihn. Sein Arm machte Schwimmbewegungen in der Luft. Er bemerkte es nicht. Wieder wurden er und das Mädchen überspült. Er hielt seinen Atem an. Fest presste er das Mädchen an sich. Über Wasser wollte er ihr zartes Gesicht halten. Weiter ging es dem Ufer zu. Vielleicht noch fünfzig Meter. José wusste, er würde, er musste es schaffen. Rote Nebel sah er vor seinen Augen. Jetzt kam es auf ihn an. Er musste durchhalten. Fest hielt sein Arm das Mädchen umklammert. Er presste den geschmeidigen, jungen Körper an sich. Noch dreißig Meter vielleicht. Wieder eine Welle. José duckte sich. Die Wellen spülten über seinen Kopf hinweg. Er nahm das Mädchen in beide Arme, drückte ihren Oberkörper fest an sich, presste ihren Brustkorb. Weiter schwamm er. Keuchend ging sein Atem. Er fühlte Stiche in seinem Herzen. Aber da kam das Ufer. José fühlte Boden unter seinen Füßen. Mit beiden Armen zog er das blonde Mädchen ans Land. Die ankommenden Wellen der hohen Flut schüttelten ihn, aber dennoch wankte er nicht. Kraftvoll hielten seine Arme und die alten schwieligen Hände das Mädchen unter den Schultern gepackt. Dann war er am Strand. José sank nieder. Das Mädchen lag an seiner Seite. Gischt umschäumte seine Zehen. Er blickte zum Himmel auf. Und er blickte auf das Mädchen mit dem goldblonden, langen Haar. Ihre Brust hob sich, wie zu einem Seufzer. Und dann sah er, wie sie ihre tiefen, blauen Augen aufschlug und ihn anblickte.

José wusste: Er hatte seinen Schatz gefunden. Dann stand sein altes Herz still.

 

Lobrecht im Zoo

Professor Lobrecht ging spazieren
zu den Tieren in dem Zoo,
und das, was er dort erlebte,
machte ihn vergnügt und froh.
Er fand einen leeren Käfig,
Schlüssel steckte, stieg hinein,
setzte sich, denn er war müde,
schloss die Augen und schlief ein.
Als er später dann erwachte,
sah er viele Leute gaffen,
amüsierte sich ganz köstlich
mit den Augen eines Affen.

Da kann man nichts machen

Der Mensch frisst sich voll
wenn er kann.
Er frisst den anderen etwas weg.
Aber das will er natürlich nicht.
Das ist halt so.
Da kann man nichts machen.

Der Mensch säuft sich voll
wenn er kann.
Er säuft den anderen etwas weg.
Aber das will er natürlich nicht.
Das ist halt so.
Da kann man nichts machen.

Der Mensch fickt mit anderen Menschen herum
wenn er kann.
Er nimmt die Menschen den anderen weg.
Aber das will er natürlich nicht.
Das ist halt so.
Da kann man nichts machen.

Der Mensch schießt andere Menschen tot
wenn er kann.
Er nimmt die Menschen den anderen weg.
Aber das will er natürlich nicht.
Das ist halt so.
Da kann man nichts machen.

Der Mensch verleugnet sein eigenes Ich
wenn er kann.
Er nimmt das Ich sich selber weg.
Aber das will er natürlich nicht.
Das ist halt so.
Da kann man nichts machen.