Coronagedicht

Lasst uns solidarisch sein

und im eignen Heim erfreun.

Draußen ist es kalt und nass –

zu Hause macht das Leben Spaß.

Immerfort die Heizung brummt,

wenn man will, zu jeder Stund.

Essen gibt es nur “to go”,

das macht alle Menschen froh.

Die Politik für jeden sorgt:

Dem Gastwirt wird viel Geld geborgt.

Reicht es nicht, hat er „gelost“.

Das erzeugt bei manchem Frust.

Erlaubt ist alles ohne Lust.

Das Volk säugt an der Mutterbrust.

Wie dem auch sei – es geht  vorbei.

Und der Bayer sagt: „Ja mei.“

Lasst uns solidarisch sein

und uns an dem Leben freun.

Der Satan im Backofen

Der Satan im Backofen

Vor langer Zeit gab es in unserem kleinen Markt noch einen öffentlichen Backofen, in dem die Frauen am Wochenende ihr Brot backten . Auch große Bleche mit Sonntagskuchen wurden dort hineingeschoben. Manchmal wanderte sogar das eine oder andere  Reinderl (=Backofeneinsatzgefäß mit Henkeln) mit einem Spanferkel hinein. Am Backofen wurde immer viel geredet und getratscht, meistens über diejenigen, die gerade nicht anwesend waren.

Die alte Marei Huber betrieb den Backofen.  Sie war Witwe, mittelgroß, aber kräftig, mit rundem Mondgesicht, freundlichen braunen Augen, schulterlangen, schwarzgrauen Haaren, kräftigen Armen und einem riesigen Hinterteil. Eine Kostverächterin war sie nicht, und manches Mannsbild, aber auch junge Buben wussten sie zu finden, wenn sie ganz allein in dem kleinen Fachwerkhaus war, das hinter einer Hecke neben dem Backofen stand. Sie wollten dort etwas Brot holen, sagten sie, wenn jemand fragte. Und gerne holten die alten und jungen Mannsbilder Brot bei der Marei.

Bei den Frauen war Marei entsprechend weniger beliebt. Sie passte nicht in die allgemeine Ordnung dieser Gemeinde. Es hatte manchmal den Anschein, als wollte sie bewusst gegen Regeln verstoßen. Sonntags ging sie nur selten in die Kirche, beteiligte sich nicht am täglichen Frauentratsch, und wenn sie angesprochen wurde, schürzte sie nur die Lippen und sagte: „Joa mei. I woass aa net.“ Ja, so war sie. Nicht zu packen.

Andererseits aber wurde sie immer wieder gebraucht; denn keine konnte so gut backen wie sie. Und sie kannte haufenweise Rezepte, wenn sie gefragt wurde. Rezepte  für jeden Anlass. Auch Kräuter sammelte sie, mit denen sie schon manchen geheilt hatte. Sehr zum Leidwesen des alten  Arztes, der nur an die Wissenschaft glaubte und sie eine „Scharlatanin“ und „alte Hexe“ nannte. Aber sie hatte schon manchem Kind auf die Welt geholfen, denn sie versah auch Hebammendienste. Marei war einfach ein Weib voller Widersprüche.

Aber jetzt soll es der Beschreibung genug sein. Kommen wir zum Kern dieser kleinen Geschichte.

Es war an einem schwülen Tag Ende Juli. Lange hatte es nicht mehr geregnet. Die Luft war staubig. Das Heu war schon eingebracht, bis zur Getreideernte war noch etwas Zeit. Und so hatte vor vier Tagen die Tochter des hiesigen Tischlermeisters den Erben eines großen Bauernhofes geheiratet.  Eine riesengroße Hochzeit war es gewesen, die drei Tage lang dauerte. Es wurde gegessen und getrunken, was das Zeug hält. Aber jetzt ging es wieder an die Arbeit.

Der Backofen war in diesenTagen fast pausenlos in Betrieb gewesen. Immer wieder wurden Kuchenplatten hineingeschoben, neues Brot musste gebacken werden, und etliche kleine Ferkel fanden dort ihr letztes Schicksal. Demensprechend fürchterlich sah der Ofen jetzt aus. Der Ruß und Dreck darin war wohl fingerdick. „Was soll’s“, seufzte Marei. „‘S muass hoalt sei.“ So nahm sie die Bürsten und Spachteln zu Hand, stieg auf die kleine Trittleiter und wollte in den Ofen klettern. Aber dann besah sie sich eines Besseren. „Die ganzen Kleider werden ja dreckert“, dachte sie. Und da es sehr warm und schwül war, und der Backofen ja von der Hecke geschützt war, zog sie sich aus. Ganz und gar, bis sie splitternackt war. Und so kletterte sie mit ihren Reinigungsgerätschaften hinein. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis alles abgekratzt, abgebürstet und abgewischt war. Immer  wieder musste sie den Kopf herausstecken und durchschnaufen, wenn sie keine Luft mehr bekam. Aber dann, gottlob, war es endlich geschafft!

Marei kletterte aus dem Backofen heraus, ihr dickes Hinterteil vornweg. Es war pechschwarz, und die riesigen Schenkel  ebenso. Und dann geschah das Schreckliche. Just, als sie versuchte, langsam heraus zu kraxeln, kam der Postbote auf seinem Dienstradl vorbei. Er stellte das Radl an die Hecke, wollte ans Fachwerkhaus gehen, und blickte zum Backofen. Er riß entsetzt die Augen auf und rannte weg. „Der Deifi kimmt aus dem Baggofe“, schrie er. „Hilfe, der Deifi kimmt.“  Ratzfatz, füllte sich die Hauptstraße, alle rannten sie aus den Häusern. Was soll sei, wollten alle wissen. Und der Postbote schrie weiter.

Mittlerweile hatte Marei genügend Zeit gehabt, aus dem Ofen zu klettern. Flink klaubte sie ihre Sachen zusammen, eilte in das kleine Fachwerkhaus, verschloss die Tür und wusch sich gründlich. Als die Leute anklopften, war es vergeblich. Das Klopfen wurde immer heftiger, und endlich öffnete Marei die Tür. Frisch gewaschen, in sauberen Kleidern sagte sie treuherzig: „Hoab Mittagsschlaf gehalten, bei dera Hitz. Woar aufm Kanappe. Woas gibt’s?“

Alle sahen sich ratlos an. Der Postbote war still geworden. Die Geschichte wird noch bis heute erzählt.

Der Satan im Backofen

Der Satan im Backofen

Vor langer Zeit gab es in unserem kleinen Markt noch einen öffentlichen Backofen, in dem die Frauen am Wochenende ihr Brot backten. Auch große Bleche mit Sonntagskuchen wurden dort hineingeschoben. Manchmal wanderte sogar das eine oder andere  Reinderl (=Gefäss mit zwei Henkeln, rund, oval oder rechteckig, das man in den Backofen schiebt) mit einem Spanferkel hinein. Am Backofen wurde immer viel geredet und getratscht, meistens über diejenigen, die gerade nicht anwesend waren.

Die alte Marei Huber betrieb den Backofen.  Sie war Witwe, mittelgroß, aber kräftig, mit rundem Mondgesicht, freundlichen braunen Augen, schulterlangen, schwarzgrauen Haaren, kräftigen Armen und einem riesigen Hinterteil. Eine Kostverächterin war sie nicht, und manches Mannsbild, aber auch junge Buben wussten sie zu finden, wenn sie ganz allein in dem kleinen Fachwerkhaus war, das hinter einer Hecke neben dem Backofen stand. Sie wollten dort etwas Brot holen, sagten sie, wenn jemand fragte. Und gerne holten die alten und jungen Mannsbilder Brot bei der Marei.

Bei den Frauen war Marei entsprechend weniger beliebt. Sie passte nicht in die allgemeine Ordnung dieser Gemeinde. Es hatte manchmal den Anschein, als wollte sie bewusst gegen Regeln verstoßen. Sonntags ging sie nur selten in die Kirche, beteiligte sich nicht am täglichen Frauentratsch, und wenn sie direkt angesprochen wurde, schürzte sie nur die Lippen und sagte: „Joa mei. I woass aa nit.“ Ja, so war sie. Nicht zu packen.

Andererseits aber wurde sie immer wieder gebraucht; denn keine konnte so gut backen wie sie. Und sie kannte haufenweise Rezepte, wenn sie gefragt wurde. Rezepte  für jeden Anlass. Auch Kräuter sammelte sie, mit denen sie schon manchen geheilt hatte. Sehr zum Leidwesen des alten  Arztes, der nur an die Wissenschaft glaubte und sie eine „Scharlatanin“ und „alte Hexe“ nannte. Aber sie hatte schon manchem Kind auf die Welt geholfen, denn sie versah auch Hebammendienste. Marei war einfach ein Weib voller Widersprüche.

Aber jetzt soll es der Beschreibung genug sein. Kommen wir zum Kern dieser kleinen Geschichte.

Es war an einem schwülen Tag Ende Juli. Lange hatte es nicht mehr geregnet. Die Luft war staubig. Das Heu war schon eingebracht, bis zur Getreideernte war noch etwas Zeit. Und so hatte vor vier Tagen die Tochter des hiesigen Tischlermeisters den Erben eines großen Bauernhofes geheiratet.  Eine riesengroße Hochzeit war es gewesen, die drei Tage lang dauerte. Es wurde gegessen und getrunken, was das Zeug hält. Aber jetzt ging es wieder an die Arbeit.

Der Backofen war in diesen Tagen fast die ganze Zeit in Betrieb gewesen. Immer wieder wurden Kuchenplatten hineingeschoben, neues Brot musste gebacken werden, und etliche kleine Ferkel fanden dort ihr letztes Schicksal. Dementsprechend fürchterlich sah der Ofen jetzt aus. Der Ruß und Dreck darin war wohl fingerdick. „Was soll’s“, seufzte Marei. „‘S muass hoalt sei.“ So nahm sie die Bürsten und Spachteln zu Hand, stieg auf die kleine Trittleiter und wollte in den Ofen klettern. Aber dann besah sie sich eines Besseren. „Die ganzen Kleider werden ja dreckert“, dachte sie. Und da es sehr warm und schwül, und der Backofen ja von der Hecke geschützt war, zog sie sich aus. Ganz und gar, bis sie splitternackt war. Dann kletterte sie mit ihren Reinigungsgerätschaften hinein. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis alles abgekratzt, abgebürstet und abgewischt war. Immer  wieder musste sie den Kopf herausstecken und durchschnaufen, wenn sie keine Luft mehr bekam. Aber dann, gottlob, war es endlich geschafft!

Marei kletterte aus dem Backofen heraus, ihr dickes Hinterteil vornweg. Dieses war pechschwarz, die riesigen Schenkel  ebenso. Und dann geschah das Schreckliche: Just, als sie versuchte, langsam heraus zu kraxeln, kam der Postbote auf seinem Dienstradl vorbei. Er stellte das Radl an die Hecke, wollte ans Fachwerkhaus gehen, und blickte zum Backofen. Er riß entsetzt die Augen auf und rannte weg. „Der Deifi kimmt aus dem Baggofe“, schrie er. „Hilfe, der Deifi kimmt.“  Ratzfatz, füllte sich die Hauptstraße, alle rannten sie aus den Häusern. Was wohl sei, wollten alle wissen. Und der Postbote schrie weiter.

Mittlerweile hatte Marei genügend Zeit gehabt, aus dem Ofen zu klettern. Flink klaubte sie ihre Sachen zusammen, eilte in das kleine Fachwerkhaus, verschloss die Tür und wusch sich gründlich. Als die Leute anklopften, war es vergeblich. Das Klopfen wurde immer heftiger, und endlich öffnete Marei die Tür. Frisch gewaschen, in sauberen Kleidern sagte sie treuherzig: „Hoab Mittagsschlaf gehalten, bei dera Hitz. Woar aufm Kanapee. Woas gibt’s?“

Alle sahen sich ratlos an. Der Postbote war still geworden. Die Geschichte wird noch bis heute erzählt.

Unser König

Wir Menschen brauchen einen König.

Die Vernunft bedeutet wenig.

Als Führer geht er vorneher.

Uns Kindern fällt das gar nicht schwer.

Er sagt, was gut und richtig sei.

Das andere ist einerlei.

So schützt er uns  vor Angst und Not

Vor der Krankheit und dem Tod.

Und am Ende heißt es noch:

Unser König lebe hoch.

Paul B.

Eigentlich hatte Paul B. heute kein Ziel. Aber er war von Unruhe erfüllt. Er lief auf dem belebten Gehweg in der Innenstadt, kurz vor der Fußgängerzone. Es regnete leicht. Autos flitzten vorbei. Ihre Reifen spritzten das Regenwasser auf die Passanten. Paul störte das wenig, denn er versuchte ständig, den ihm entgegenkommenden Menschen auszuweichen. Sie liefen einfach auf ihn zu, als hätten sie ihn nicht gesehen.

Plötzlich kam ein Kind auf ihn zugelaufen. Es mochte vielleicht fünf Jahre alt sein, schaute zu ihm hoch, seine Augen wurden ganz groß,  dann machte es einen Schritt zur Seite und lief an ihm vorbei. Paul wurde es trotz dem schlechten Wetter warm ums Herz. Alle Erwachsenen rannten ihn beinahe um, aber dieses kleine Kind ging respektvoll zu Seite.

Bald kam er an einem Straßencafé vorbei. Aufgestellte Sonnenschirme hielten den Regen von einigen Tischen ab. Für Paul B. war aber kein Platz mehr. Also begab er sich in das Innere des Cafés. Ganz hinten, am Ende, neben der Toilettentür, war noch ein Tischchen frei. Dorthin setzte er sich und wartete auf die Bedienung.  Doch die völlig abgehetzte Kellnerin übersah ihn. Mehrfach hob er die Hand. Es nützte nichts. Die Kellnerin schaute einfach an ihm vorbei. Es war ihm, als würde sie durch ihn hindurch schauen. Nach etwa 20 Minuten wurde es Paul B. zu dumm, und er kämpfte sich durch das vollbesetzte Café wieder nach draußen, sorgsam darauf achtend, dass er niemanden anrempelte.

Der Regen hatte etwas nachgelassen. Paul verließ die Fußgängerzone und kam wieder zur Straße. Er wollte nur noch nach Hause. Allen Passanten wich er aus. Heute hatten es die Menschen wohl sehr eilig. Einmal trat er aus Unachtsamkeit auf die Fahrbahn, sprang aber schnell zurück auf den Gehweg. Beinahe hätte ihn ein Auto überfahren, merkte er mit großem Erschrecken. Er war offenbar viel zu müde und sehnte sich nach seinem Bett.

Noch drei Ecken, und endlich kam er in die Straße, in der er wohnte. Vor dem Eingang seines Wohnhauses  hockte eine Katze, die er gut kannte. Er bückte sich zu ihr hinunter und wollte sie streicheln, was er immer tat, wenn er sie sah. Doch heute benahm sie sich seltsam.  Die Haare ihres Felles richteten sich auf, und fauchend lief sie davon. Noch etwas Seltsames fiel Paul B. auf: Die Eingangstür seines Wohnhauses stand offen, was sonst eigentlich nie der Fall war. Langsam ging er die Treppe hoch bis zum ersten Stock, in dem er wohnte.

Auf dem Treppenhaus kamen ihm drei Menschen entgegen, zwei Männer und eine Frau. Sie sprachen leise miteinander, und Paul überlegte sich, ob er diese Leute kannte. Sollte er sie grüßen oder nicht? Aber die Frage erübrigte sich, denn sie sahen nicht zu ihm hin. Er drückte sich am Rand des Treppenhauses an die Mauer und ließ die drei passieren.

Auch die Tür zu der Wohnung, in  der er lebte, stand offen. Was war denn hier los? War ein Unglück geschehen? Paul B. klopfte das Herz bis zum Halse. Er wurde immer unruhiger. Vor sich sah er das Wohnzimmer. Der Tisch war gedeckt, es gab Kaffee und Kuchen, das Licht war gedämpft, einige Kerzen brannten, und um den großen Wohnzimmertisch saßen mehrere Leute. Es mochte etwa ein Dutzend sein.

Paul B. sah seine Eltern, seine zwei Brüder und die Schwester. Und sogar zwei seiner Großeltern, aber das konnte nicht sein, denn die waren ja schon tot. Er rieb sich über die Augen, schluckte und schnaufte. Dann erblickte er ein großes Bild, das auf dem Tisch stand. Es gab keinen Zweifel: Das Bild war ein Foto von ihm mit einem Trauerflor am Rahmen.

Da endlich begriff Paul B., dass er tot war.