Das Mondgedicht

Am Himmel oben zieht er
gemächlich seine Bahn;
aus seiner Höhe sieht er
die Erde staunend an
und denkt: „Von all den Affen,
die sich gezeigt auf ihr,
ward nicht so viel geschaffen
wie von dem Menschentier,
das in den paar Sekunden,
die es auf Erden rennt,
sehr viel herausgefunden
und doch so wenig kennt.
Wie ist die Menschenmasse
so klug und doch so dumm.
Bald bringt sich diese Rasse
wahrscheinlich selber um.“

Dies denkt der Mond und weiter
hellt er in seinem Lauf
als stiller Wegbegleiter
die Nacht der Erde auf.

Der Mann und das Finanzamt

Ein Mann geht zum Finanzamt hin,
mit gutem Mut und frohem Sinn.
Er möchte Geld zurückbekommen,
das man im Vorjahr ihm genommen.

Erst wartet er in einem Flur,
so ungefähr zwei Stunden nur,
dann ruft man ihn in ein Büro,
jetzt ist er dran, jetzt ist er froh.

Der Herr vom Amt ist missgelaunt.
Er fragt den Mann, der sehr erstaunt,
nach Formular C 4 F 3,
und isst sein Butterbrot dabei.

Dann fragt er noch, warum er nicht
schon früher kam, was seine Pflicht
gewesen wäre, und zum Schluss
es so kommt, wie es kommen muss:

Der Mann zahlt viele Steuern nach,
auch, wenn er jammert „weh“ und „ach“.
Es zeigt sich die Behörde hart,
ihm alles nimmt, was er gespart.

Doch er, nicht dumm, in Jahresfrist
schon selbst Finanzbeamter ist,
beginnt den Dienst im Monat Mai
-und isst sein Butterbrot dabei.

 

Der Schwan und die Enten

Zwei Enten trafen einen Schwan,
den sahen sie sich staunend an.
Dann sprachen sie: Du edles Tier,
warum bist schöner Du als wir?

Dem Schwan gefiel die Schmeichelei,
drum schwamm er stolzgeschwellt herbei,
sah auf die Enten leicht hinab
und sagte ihnen kurz und knapp:

Ich bin von Adel, Entensklaven,
mein Geschlecht gönnt auch den braven,
die sich ducken, manch Pläsier,
seid fügsam, kommt und folget mir.

Dabei kam ein Jägersmann,
legte seine Büchse an,
ein Schuss, ein Treffer und vorbei
war’s mit der Schwan-Lobhudelei.

 

Die heuchlerische Helferin

„Hallo, wie geht’s, hast du noch Schmerzen?“
„Nein danke, mir geht es sehr gut.“
„Hast es am Magen und am Herzen,
bist bald schon tot, ich weiß das gut.“

„Warum, wieso, mir geht es prächtig,
ich hab dir damals nur erzählt
von meinen Schmerzen, die mich mächtig
gepeinigt haben und gequält.“

„Schau nur, ich hab das nicht vergessen,
bist eine arme, kranke Frau.
Und ich empfehle dir den Doktor,
den ich gut kenne und genau.

Er ist mein Freund, wird sich beeilen
die Krankheit finden, er ist toll.
Bestimmt kann er dich ganz schnell heilen,
sei frohgemut, vertrau‘ ihm voll.

Und hilft das nicht, werd‘ ich dir schicken,
den Herrn Psychiater aus der Stadt.
Der wird dir dann die Seele flicken,
er ist der Beste, den man hat.“

Jetzt fasst sie mir noch an die Wange,
was soll das, wofür hält sie sich?
Mir wird es langsam Angst und Bange,
o weh, ich leide fürchterlich.

Ich will sie schlagen, will sie töten,
die Hexe, dieses böse Weib.
O Gott, Dein Rat ist nun vonnöten,
wer schafft mir dieses Biest vom Leib?

Dann meine Augen freundlich winken:
„Mir geht es gut, doch wie geht‘s dir?
Du kannst kaum laufen und musst hinken,
Ich helf‘ dir morgen um halb vier.“

„Danke, dir, ich muss jetzt weiter,
hab Termine, muss nach dort.
Werde schnell gesund, bleib heiter“,
-und schon war das Weibsbild fort.