Das Murmeltier

Ein Murmeltier hat es sehr schwer:
Es murmelt hin, es murmelt her
und freut sich auf den Nachwuchs sehr.
Doch ständig droht ihm viel Gefahr:
Von Füchsen, Vögeln, Menschen gar.
Dafür gibt es den Murmelpfeifer,
der pfeift sehr laut in seinem Eifer.
Schon springt das Murmeltier ins Loch,
doch pfeift der Pfeifer immer noch,
Das wird ihm oft genug zum Graus:
Er hält es bis zum Ende aus,
so wie der Käpten auf dem Boot,
und oft ist das des Pfeifers Tod.
Der Tierfreund findet das nicht nett,
er pfeift auf Murmeltierchens Fett
und Esoterik-Heilungskrams,
das füllt nur des Verkäufers Wams.

Doch sind wir auch nicht besser dran,
uns fehlt der Murmelpfeifer-Mann
oder die Frau, die leise sagt,
wie uns des Menschseins Rohheit plagt,
wo wirklich uns Verderben droht
und was uns alle heut‘ bedroht.

Auch Menschen murmeln manchmal leise,
ein jeder auf die seine Weise,
und hat man einen Feind entdeckt,
der Mensch sich gern im Bau versteckt.
Doch hilft das nichts, lasst uns auf Erden,
wie Murmeltiere Freunde werden.

 

Advertisements

Gedächtnisschwund

Harry Mehler litt seit Jahren an Gedächtnisschwund. Bei vielen Ärzten war er gewesen. Keiner hatte ihm helfen können. Eigentlich war es gar kein Gedächtnisschwund, sondern es handelte sich eher um Gedächtnislücken, über die er klagte. Irgendwelche Momente seines Lebens schienen ihm zu fehlen, Sekunden, manchmal auch Minuten. Zuweilen konnte er sich an ganze Sätze nicht mehr erinnern, die jemand gesprochen hatte, seine Frau oder sein Chef zum Beispiel. Selbst, wenn ihm die Betreffenden ihre Worte wiederholten und ihn an den Zusammenhang erinnerten, in dem sie sie gesprochen hatten, änderte es nichts. Es war ihm, als fehlten ihm die entsprechenden Minuten seines Lebens. Sie waren einfach nicht da. Er hatte das Gefühl, zu den Zeiten seiner Gedächtnisleere nie gelebt zu haben.

Anfänglich hatten die Menschen in seiner Umgebung eher belustigt auf diese Schwäche reagiert. Sie nannten ihn den „zerstreuten Professor“; seine Frau bezeichnete ihn als den „vergesslichsten Menschen, den die Welt je sah“. Nach und nach hatten die Gedächtnislücken aber bedrohliche Ausmaße angenommen. Harry Mehler konnte sich nicht mehr richtig konzentrieren. Bei längeren geschäftlichen Verhandlungen fehlten ihm ganze Ausschnitte, insbesondere, wenn sich die Termine auf mehrere Tage erstreckten. Anlässlich seines letzten Fortbildungskurses, der ihm eine berufliche Beförderung hätte einbringen sollen, war er glatt durch die Prüfung gefallen, weil ihm einige Teile des Lernstoffes, die die anderen Kursteilnehmer beherrschten, entgangen waren. Nicht die schwierigsten Dinge fehlten seiner Erinnerung, sondern oft Banalitäten, aber er wusste sie einfach nicht, hatte nie davon gehört. Die anderen aber hatten. Fragen wie: „Mensch, Harry, erinnerst du dich denn nicht, das hat der und der gerade gesagt, als du diese Vorschrift ‚lächerlich‘ nanntest?“ blieben erfolglos. Er war dabei gewesen, hatte dagesessen, die anderen erinnerten sich, er erinnerte sich nicht.

Harry Mehler war gesund. Er trank kaum Alkohol, nahm keine Medikamente. Für die Ausfälle seines Erinnerungsvermögens gab es keine Erklärung, auch nicht aus medizinischer Sicht. Dann begann Harry, sich selbst zu beobachten und zu kontrollieren. Er bemerkte manchmal einen winzigen Ruck in seiner Umgebung, morgens, wenn er zur Arbeit ging, beim Mittagessen, beim Anschauen des Fernsehprogrammes. Es war ein Ruck, wie man ihm von Filmen kennt, durch einen Schnitt entstanden. Die Umgebung, die Handelnden, alles war noch da, nur von einem Moment zum nächsten schienen sich die nicht stillstehenden Dinge in einem zeitlichen Sprung weiterbewegt zu haben. Dieses Phänomen bemerkte Harry immer öfter. Der Gedanke daran ließ ihn nicht los. Je mehr er sich damit befasste, je häufiger er daran dachte, desto zahlreicher wurden die Sprünge in seinem Leben. Schlimmer noch: Die Ausfallzeiten verlängerten sich. Er konnte feststellen, wie sich Menschen plötzlich um mehrere Meter weiterbewegt hatten, einmal sogar, wie zwei Autos ohne für ihn erkennbare Ursache und ohne jedes vorherige Geschehen, das dazu hätte führen können, zusammengestoßen waren. Manchmal brach für ihn die Nacht übergangslos herein – ohne Dämmerung.

Harry machte Experimente. Er wollte feststellen, wie groß die Zeitsprünge waren, gegen die er sich nicht wehren konnte. Er blickte auf die Uhr. Nur manchmal hatte er damit Erfolg. Wenn er den Zeitsprung bemerkte, war er ja schon geschehen, und wenn er dann erst auf die Uhr sah, war es schon zu spät. Durch immer häufigeres Betrachten der Uhr gelang es ihm aber doch, zuweilen eine bestimmte Zeitdifferenz festzustellen. Sie betrug ein bis zwei Minuten, manchmal fünf, manchmal auch mehr oder weniger, ganz sicher war er sich da nicht. Oft hatte er in der Zwischenzeit seinen Standort gewechselt, aber an ihm selbst waren kaum Veränderungen eingetreten, oder nur wenige. Dann stellte Harry Mehler fest, dass es ab und zu auch ganze Stunden gewesen sein mussten, um die er sich weiterbewegt hatte. Er saß noch im selben Zimmer, hatte sich zur Ruhe und zur Verdauung nach dem Mittagessen im Sessel zurückgelehnt – da war es dunkel und Abend. Hatte er vielleicht geschlafen? Nein, er wusste, dass er hellwach war, genau aufgepasst hatte er, weder eine Müdigkeitsphase hatte es gegeben noch die Schläfrigkeit nach dem Aufwachen. Die Zeit war einfach weitergerückt. Ohne ihn bewusst mitzunehmen. Aber sein Körper musste die Zeit dennoch durchlebt haben, denn er verspürte wieder Hunger. Auch seine Haare waren in Unordnung geraten, wie er im Spiegel feststellen konnte. Aber er hatte nicht geschlafen. Oder doch?

Dann verschlimmerte sich sein Befinden. Er verbrachte Tage ohne Gedächtnis. Die „Filmrisse“ wurden immer häufiger und länger. Wie er auf seine vorsichtigen Erkundigungen bei anderen Menschen feststellen konnte, hatte er normal gelebt, ohne dass etwas Besonderes an ihm aufgefallen wäre. Für ihn war die Zeit aber ruckhaft weitergerückt; das Leben in den Tagen der Erinnerungslosigkeit hatte es für ihn nicht gegeben. Und er beobachtete sich weiter, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen.

Harry Mehler lag in einem Krankenhausbett. Schon einige Tage hatte er hier verbringen müssen; denn er litt seit dieser Zeit an einer unerklärlichen körperlichen Schwäche, die bei den Ärzten ernste Besorgnis ausgelöst hatte. Sie wollten ihn erst einmal unter „stationärer Beobachtung“ halten, so sagten sie. Auch im Krankenhaus bemerkte Harry die Zeitsprünge. Sie waren aber nicht gut zu verfolgen, denn allzu oft wechselte er übergangslos vom Wachzustand in den Schlaf, und dann wusste er nicht mehr, was Traum und was Wirklichkeit war. Außerdem bewegte sich in dem kleinen weißen Zimmer so wenig, dass er Veränderungen oft nur schwer feststellen konnte.

Schließlich kam Harry auf den Einfall mit dem Zählen. Lange Zahlenreihen sagte er auf, beginnend mit 1, 2 , 3…Oft kam er bis in die Tausende. Er dachte, dass er bei einem Zeitsprung anhand der Differenz zwischen der letzten Zahl, an die er sich erinnern konnte und der Zahl, bei der er gerade war, wenn er den Sprung bemerkte, die vergangene Zeit bestimmen könnte. Einige Male gelang ihm dies auch. Er zählte etwa im Sekundenrhythmus. Wenn ihm nun zum Beispiel bei der Zahl „240“ ein Zeitsprung auffiel, und die letzte Zahl, an die er sich noch genau erinnern konnte, die „120“ war, dann wusste er, dass ihm für etwa 120 Sekunden der zurückliegenden Zeit, also für zwei Minuten, die Erinnerung fehlte.

Einmal zählte er wieder: „304, 305, 306, 307, 308, 309“; da fühlte er den ihm schon bekannten zeitlichen Ruck. „310, 311“. Nein, es war offenbar doch kein Zeitsprung gewesen; denn er zählte immer noch ruhig weiter, konnte sich an alle Zahlen erinnern, höchstens dass vielleicht zwischen zwei Zahlen ein winziger Zeitsprung gewesen war, ein Sekundenbruchteil. Aber irgendetwas hatte sich verändert. Harry Mehler sah an sich herunter: Seine Hände zitterten. Sie waren nicht mehr glatt und kräftig, sondern faltig und sahen wie die eines alten Mannes aus. Mit weißen Haaren waren seine Unterarme bedeckt, lederartige, runzlige Haut spannte sich über die dünnen Knochen.

Lächelnd beugte sich die Schwester über das Bett: „Na, Opa Mehler, wie geht es uns denn heute?“ fragte sie. „Sind wir wieder beim Zählen?“

11 Unsinns-Zweizeiler

1
Der Hase hoppelt in die Hecke,
auf dass man ihn dort nicht entdecke.

2
Wenn’s Christkind kommt zur Weihnachtszeit,
ist es bis Ostern nicht mehr weit.

3
Die Reichen lieben sich auf Plüsch;
die Armen treiben’s im Gebüsch.

4
Es ist noch lang kein Wintermärchen,
sieht man im Schnee ein Gummibärchen.

5
Senkrecht und ganz ohne Hast
fiel der Apfel von dem Ast.

6
Bevor er Jodeln sie gelehrt,
da machte sie es ganz verkehrt.

7
Mancher kommt bedeutend schneller
als nach oben in den Keller.

8
Es rasen oft mit Affenzahn
die Züge von der Deutschen Bahn.

9
Weil Ursula sich nicht gewehrt,
ward sie von Waldemar entehrt.

10
Er parkte frech, mit List und Tücke,
den Wagen in der engen Lücke.

11
Als Gymnasiast der Eberhard
aus Ehrgeiz fast ein Streber ward.