Im Wald ohne Angst

Gedicht Berndt Baumgart
Im Wald ohne Angst

Auf wilden Wegen tief im Tann,

Da wanderten wir leis entlang.

Die Vögel sangen dann und wann.

Ein kühler Bach floss – ohne Bang.

Vorbei war all das Kriegsgeschrei.

Der Medienrummel mit der Furcht.

Die Angst schien völlig einerlei.

Sie war uns schnuppe, einfach wurscht.

Der machtlose Dichter

Gedichte von Berndt Baumgart
Der machtlose Dichter – Ein Gedicht von Berndt Baumgart

Der machtlose Dichter

Schweinepest und Affenpocken

die Menschen zu der Impfung locken.

Leer der Gashahn, leer der Tank.

Die Teurung macht die Menschen krank.

Klimaschutz und Kriegsgeschrei:

Mit der Freude ist‘s vorbei.

Doch der Dichter auf Papier

schreibt mit voller Inbrunst hier!

Er schreibt alles, was ihm passt.

Am Ende kommt er in den Knast.

Das Sauggedicht

Das Sauggedicht

Das Kind saugt an der Mutterbrust.

Dem Säugling bringt das höchste Lust.

Die Mücke saugt das Blut heraus.

Aus Mensch und Tier, o welch ein Graus.

Die Spinne saugt die Mücke leer.

Das Blut darin, es schmeckt ihr sehr.

Der eine saugt im Herbste Laub.

Der andre, er saugt lieber Staub.

Gesaugt wird auf der ganzen Welt.

Auch, wenn es manchem nicht gefällt.

Den Blutsauger im Menschenreich

Erkennt man später, nicht sogleich.

Oft hast du arglos ihn gewählt.

Bald bist du leer und ausgehöhlt.

Bleib demokratisch, klug und stur.

Und hüte dich vor Diktatur!

Der kleine Unterschied

Gedicht von Berndt Baumgart
Der kleine Unterschied – Ein Gedicht von Berndt Baumgart

Der kleine Unterschied

In dem Grab sind alle unten,

Und oben edler Marmorstein.

Aus dem Leben sie verschwunden,

Doch wollen sie bedeutend sein.

Den einen krönt ein Stein voll Stolz,

Der andre hat ein Kreuz aus Holz.

Im Tode sind sie alle gleich?

So läuft es nicht im Menschenreich.

Und deshalb herrscht, du glaubst es nie,

Auch auf dem Friedhof Hierarchie.

Der Gartenfreund

Der Gartenfreund
Der Gartenfreund – Ein Gedicht von Berndt Baumgart

Der Gartenfreund

Schnecken und Zecken

Sind Gartenfreunds Leid.

An Hummeln und Bienen

Er gern sich erfreut.

So ist es im Leben

Der Seiten gibt’s zwei.

Es muss beides geben

Und bald ist’s vorbei.

Der Tod und danach – Eine Erzählung

Der Tod und danach

Eine Erzählung

Der Unfall

B. sah das grelle Licht des Lastwagens frontal auf sich zukommen. Den Zusammenprall konnte er nicht mehr vermeiden. Ihm war klar, es war das Ende. Das Ende seines Lebens. Blitzschnell lief sein gesamtes Leben vor sich ab. Die Kindheit, Jugend, die Eltern, Großeltern, Schule, Hochzeit, die Kinder, sein gesamtes Leben. Doch die Zeit war für den ganzen Ablauf zu kurz. Es kam ein dumpfer Schlag. Dann war alles dunkel. Er ergab sich in sein Schicksal und atmete leise aus.

Plötzlich war alles ganz anders. Er war nicht weg. Es gab ihn noch. Er war ohne Körper, aber dennoch präsent. Er sah. Von oben. Sein verbeultes Auto und den umgekippten Lastwagen. Und er konnte denken. „Wo ist mein Körper?“ fragte er sich. „Offensichtlich ist mein Körper tot. Aber ICH, ich bin hier. Also kann ich ohne Körper denken, Fragen stellen. Das entspricht nicht dem, was die Naturwissenschaftler sagen.“

B., oder sagen wir besser, seine Seele, sein Geist, seine nichtkörperliche Existenz – kein sprachlicher Begriff kann das genaue Wort treffen, ohne dass es Widerspruch gäbe – war ratlos. Was sollte, konnte er machen? Oder ging es nicht mehr ums „Machen“, wie im körperlichen Leben? Musste, sollte, konnte er einfach nur „sein“? Aber wie ging das, einfach nur zu „sein“?

Jetzt wurde er von diesen Gedanken abgelenkt. Mit Blaulicht und großem Getöse kamen Rettungswagen, Feuerwehr, Polizei. Der LKW-Fahrer wurde aus dem verbeulten Führerhaus geholt und auf eine Bahre gelegt. Er schien noch zu leben. Dann schnitt die Feuerwehr den zerstörten PKW auf. Die Leiche von B. wurde herausgezogen. Ein Sanitäter vom Rettungswagen schüttelte den Kopf. Dann wurde der Körper auf eine Trage gelegt und zugedeckt.

B. sah das alles. Er war Beobachter und Zuschauer. Wie sollte das jetzt weitergehen? Sein vergangenes, irdisches, körperliches Leben war ihm nicht mehr so präsent wie in den letzten Sekunden vor dem Unfall. Es hatte an Bedeutung verloren.

B. dachte und fühlte sich unwohl. Er erinnerte sich an Dinge, die er in seinem irdischen Leben gelesen hatte. Da war von einem Tunnel die Rede, einem hellen Licht, das die Toten empfing, den gestorbenen Verwandten, die einen in Empfang nahmen. Aber er war allein. Niemand empfing ihn. Wo war das Licht? Wo war Gott?

Er schwebte über einem Unfallort und wusste nicht, wohin.

Seine Seele bewegte sich langsam weiter. Im irdischen Leben hatte er etwas von 40 Tagen gehört, während denen die Seelen noch ein wenig ruhelos umherschwirrten, bevor sie sich auflösten, gewissermaßen in einem großen „Seelenpool“ landeten und sich mit anderen Seelen vermischten. Dann war es wohl vorbei mit der Individualität. Das sagten zumindest einige Religionen. Andererseits hatte er aber auch von anderen Fällen gehört, wo die Opfer eines Verbrechens noch jahrhundertelang herumgeisterten und keine Ruhe fanden. Wie aber war es nach einem Verkehrsunfall?

Und wo war Gott? Nach dem Erdenleben sollte man aus Sicht christlicher Religion doch ins Himmelreich kommen oder in die Hölle. Es sollte eine Reinigung stattfinden. Gutes sollte gegen Böses aufgerechnet werden. Wo war Petrus, wo war der Teufel?

B. sah nur den Unfallort. Mittlerweile wurden die Fahrzeugreste weggeschleppt. Der offenbar noch lebende und der tote Körper waren weggefahren worden. Und B. war allein. Seelenallein.

So schwebte er langsam weiter. Über die Straße entlang bis zum nächsten Dorf. Dort spielten Kinder, und Hühner liefen herum. B. schwebte tiefer hinunter. Er konnte die Höhe wechseln. Jetzt hörte er die Kinder schreien und die Hühner gackern. Also konnte er nicht nur denken, sich erinnern, sondern auch hören und sehen. Ein Ball landete vor ihm. Es juckte ihn, er wollte ihn zu den Kindern kicken. Er griff danach. Aber er griff ins Leere. Also konnte er nicht mehr handeln. Jedenfalls nicht mehr in der Welt der Lebenden. Mit dieser Situation musste er zurechtkommen. Sollte das jetzt immer so weitergehen? Ewige Einsamkeit? Diesen Gedanken mochte er nicht. Gewiss, er war zeitlebens (lustig, „zeitlebens“, dieses Wort, dachte er) ein Einzelgänger gewesen, brauchte nicht immer menschliche Gesellschaft. Aber ganz ohne Andere? Ganz allein? Für immer und ewig? Das war selbst für ihn traurig. Soll er jetzt „zeittodes“ auch immer allein sein?

Der Tod und danach

Die ersten Begegnungen

Er schwebte weiter über das kleine Dorf hinweg. Dort sah er die Kirche und dahinter den Friedhof. Auch hier keine Menschenseele. Aber doch. Was war das? Schwebte über einem der Gräber nicht eine Seele? B. pirschte sich langsam heran. „Hallo“, sagte er. Die andere Seele stieg etwas hoch, bis sie auf seiner Höhe war. „Hallo, kennen wir uns?“ fragte die andere Seele. „Nein, ich glaube nicht. Ich bin B. Hatte vorhin einen Autounfall.“ „Ach so, du bist neu“, sagte die andere Seele. „Ich bin N. Schon seit drei Wochen tot. Besuche gerade das Grab meiner Mutter. Sie ist schon lange weg. Ihr irdischer Körper ist wohl ganz verrottet, und ihre Seele finde ich nicht mehr. Ich dachte, wenn ich tot bin, und ich komme ja aus dieser Gegend, müsste ich die anderen von hier, die auch tot sind, finden. Jedenfalls ihre Seelen. Aber sie sind alle weg. Einfach verschwunden. Hast du dafür eine Erklärung?“

„Nein“, antwortete B. „Es ist alles ganz anders, als es die Lehrer, die Pfarrer, die Bücher beschreiben. Kein Empfangskomitee, keine Abrechnung, kein Wiedersehen. Einfach nichts. Einsamkeit. Leere.“

„Nun ja“, entgegnete N. „Ich bin ja da. Jetzt sind wir schon zu zweit.“ B. versuchte zu lächeln. Aber wie konnte er lächeln? Er hatte ja kein Gesicht, war nur eine Seele. Er hatte eine neblige, fast durchsichtige Form, irgendwie tropfenförmig, ohne Kopf, ohne Gliedmaßen und auch ohne Flügel; denn er war kein Engel. Die lebenden Menschen auf der Erde konnten ihn wohl nicht sehen. Aber er sah sie. Es war unheimlich. Er war nur das, was die Menschen einen Geist nannten.

„Lass‘ uns ein bisschen weiterfliegen“, sagte B. Und sie schwebten über die Straße, die in die Stadt führte. Dort änderte sich das Bild sehr. Ganz viele Seelen waren zu sehen. Kleinere, größere, mit unterschiedlicher Durchsichtigkeit. Eine kam ihnen ganz nahe. „Wo kommt Ihr denn her?“ fragte sie. „Vom Dorf. Das ist N. und ich bin B.“, sagte B. „Aha. Ich bin K. Willkommen im Club der frischen Toten.“ „Frische Tote?“ fragte B. „Wieso frisch?“ „Wir alle, die Ihr hier sehen könnt, sind relativ frisch gestorben. Ihr könnt uns noch gut sehen. Nach einer gewissen Zeit werden wir blasser und durchsichtiger, sind am Ende nur noch ein dünner Nebel, und dann sind wir verschwunden.“ „Und dann?“ fragte B. „Das ist ja das Problem. Das wissen wir alle nicht. Wir waren hier in der Stadt Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen, mit vielen Religionen. Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus usw. Viele auch ganz ohne Religion. Alle warten auf irgendetwas. Manche sagen, sie werden abgeholt, andere behaupten, sie würden in einer großen Seelensuppe landen. Aber niemand weiß etwas. Wir sind ziemlich verzweifelt. Am verzweifelsten aber scheinen die zu sein, die dachten: ‚Wenn ich tot bin, bin ich einfach weg, fort, ein Funken im All.‘ Sie haben leider merken müssen, dass sie zwar tot sind, aber trotzdem immer noch ‚da‘. Wie kann das funktionieren und wie geht es weiter? Und viele fragen sich: ‚Wo ist Gott?‘“

Und was sollen wir jetzt machen?“ fragte N. „Einfach reden, beobachten und warten,“ sagte K. „Niemand von uns weiß, wie es weiter geht.“ „Und worüber sollen wir reden?“ fragte N. „Über unser früheres Leben vielleicht? Wäre sicherlich interessant. Hier in der Stadt gibt es ja die verschiedensten Menschen. Ärzte, Priester, Lehrer, Studierte und einfache Leute, Kinder, Jugendliche, Menschen aus vielen Ländern. Die könnten erzählen, was sie früher gemacht haben und wann und warum sie gestorben sind.“ „Und wen interessiert das?“ fragte B. „Sie sind tot, schweben hier noch eine Zeitlang herum, und dann sind sie weg. Und niemand weiß, wohin es dann geht. Sie lösen sich in Nebel auf und verschwinden dann irgendwie.“

Eine neue Seele kam herbeigeschwebt. „Entschuldigung, ich habe das gerade mit angehört. Wir schweben alle hier herum und sind ziemlich ratlos. Mein Name ist F. Ich war früher Rechtsanwalt. Mein irdisches Leben ist vorbei, und Euch interessiert bestimmt nicht, was ich in meinem Leben gemacht habe und warum.“ Auf diese Rede sagte zunächst niemand etwas. Dann sagte K.: „Wir sollten einfach reden. Worüber auch immer. Ob es etwas bringt, weiß niemand.“

„Was soll es schon bringen?“ fragte N. „Wir sind tot, wissen nicht, was kommt, ob überhaupt etwas kommt, sind im Stich gelassen worden. Alles, was unsere Eltern, Lehrer, Pfarrer, Wissenschaftler usw. sagten, war wohl nicht richtig. Wir sind völlig verloren, könnten uns eigentlich umbringen. Aber das geht ja nicht mehr.“  Er räusperte sich in der Form einer Art des Lachens.

„Vielleicht weiß ja doch irgendjemand etwas“, meinte K. „Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben. Es gab ja schon immer Berichte von Menschen, die fast gestorben waren, aber dann wieder kurz vor dem endgültigen Tod zurückkamen. Sie beschrieben sogenannte Nahtoderlebnisse. Davon gibt es viele Berichte und Bücher. Z.B. von dem Amerikaner Raymond A. Moody oder der Schweizerin Elisabeth Kübler-Ross. Da ist immer wieder die Rede von einem Tunnel nach dem Tod, einem hellen Licht, Verwandten, die einen begrüßen. Ihr habt sicher schon davon gehört.“ „Na und?“ sagte B. „Offenbar stimmt das alles nicht. Die waren ja offenbar nicht richtig tot. Oder gibt es hier jemanden, dem auch so etwas passiert ist?“ „Wir sollten mit den anderen reden“, sagte K.

Der Experte

Ok“, sagte B. „Wir sind jetzt vier. N., K., F. und ich. Ziehen wir weiter und fragen wir andere.“ „Gut“, murmelten die anderen. Sie schwebten über einer Straße im Zentrum der Stadt. Vor ihnen waren mehrere Seelenblasen zu sehen. „Hallo“, rief K. „Könnt ihr uns sehen?“ „Warum denn nicht?“ sagte eine der Seelen. „Was willst du von uns?“ „Reden“, sagte K. „Worüber?“ fragte die Seele. „Über unsere Situation“, war die Antwort. „Unsere Situation ist armselig“, sagte die Seele. „Ich heiße O. Im früheren Leben war ich Pfarrer.“ „Da müsstest du ja etwas wissen“, rief K. „Was soll ich wissen?“ fragte O. „Ich bin nicht klüger als ihr. Langsam denke ich, dass ich früher nur dummes Zeug gepredigt habe. Jetzt ist es völlig anderes, als ich jemals dachte. Wir scheinen hier in einem Zwischenstadium zu sein, recht einsam, und wissen nicht, ob etwas kommt oder nicht. Es ist einfach traurig. Vielleicht haben wir uns als Menschen zu wichtig genommen.“ Nun fragte N., der während der Rede von O. gegrübelt hatte, „wir sehen hier nur Seelen frisch gestorbener Menschen, aber keine Seelen von frisch gestorbenen Tieren. Woher kommt das? Haben Tiere keine Seelen? Wenn ja, dann müssen doch Menschen viel wichtiger sein als Tiere.“ „Oh nein“, sagte O. „Das sehe ich ganz anders. Vielleicht können nur Tierseelen die Seelen von Tieren sehen.“ „Das ist doch unlogisch“, erwiderte B. „Dann müsste es ja einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Tieren und Menschen geben. Betrachten wir die Entstehungsgeschichte der Menschheit, dann müssten ab irgendeinem Zeitpunkt oder ab irgendeinem Zeitraum die Menschen das Tierreich verlassen und zu Menschen geworden sein.“

„Ja, ja, die Logik, die menschliche Logik“, sagte O. „Was gilt die menschliche Logik hier, jetzt, wo wir als seltsame Nebel herumschweben? Ist das logisch? Und warum sollten Menschen wichtiger sein als Tiere? Was ist wichtig? Vielleicht haben Tiere feinere, durchsichtige Seelen, die wir nicht erkennen können, vielleicht sind es ganz kleine Seelen, so winzig, dass sie für uns unsichtbar sind. Und Wesen aus dem angeblichen Zeitraum des Übergangs vom Tier zum Menschen gibt es sicherlich nicht mehr. Das war wohl vor mehr als einer Million Jahren. Wir wissen doch nichts, gar nichts.“ Nach diesen Worten herrschte eine große Ratlosigkeit. Eine ganze Weile sagte niemand etwas. „Was sollen wir denn jetzt tun?“ fragte K. N. lächelte, soweit er als Nebel lächeln konnte und sagte zu K.: „Siehste, jetzt bist auch du ratlos. Das Reden bringt wohl nichts. Also müssen wir warten. Einfach warten, ob etwas kommt, ob und wann wir verschwinden.“ „Das kann es doch nicht sein“, sprach F. „Bereits die Tatsache, dass wir, obwohl gestorben, noch miteinander reden können, beweist, dass wir gar nicht handlungsunfähig sind. Ich frage mich nur, warum wir noch handeln können. Das muss doch einen Grund haben. Vielleicht ist es unsere letzte Prüfung?“

„Prüfung? Von wem? Wozu?“ fragte N. „Wenn es einen Gott geben sollte, hätte er es wirklich nicht nötig, uns nach dem irdischen Tod noch als Nebelschwaden herumgeistern zu lassen. Was soll denn das bringen?“ „Vielleicht sollen wir einfach Fragen stellen“, meinte O. nachdenklich. „Wir können nicht mehr auf die Welt zugreifen, sie aber sehen und miteinander kommunizieren. Vielleicht unsere letzte gemeinsame Kommunion“, erklärte er verschmitzt. „Das ist mir alles viel zu kompliziert“, sagte B. „Das ist doch nur Gerede. Ich habe den Eindruck, Ihr redet nur um des Redens willen. Heraus kommt dabei offensichtlich nichts. Höchstens neue Fragen, aber keine Antworten. Ihr – oder mich eingeschlossen – wir drehen uns nur im Kreis.“ „Was sollen wir denn stattdessen tun?“ fragte K. „Hast du eine bessere Idee?“

„Vielleicht auf Signale warten. Es könnte ja sein, dass wir Signale bekommen und sie nur nicht verstehen“, meinte B. „Vielleicht irgendwie im Traum oder aus dem Unterbewusstsein. Ich erinnere mich an eine Geschichte von meinem alten Religionslehrer. Sie handelte von zwei alten Mönchen, die sich immer wieder fragten, ob die Geschichten über das Leben nach dem Tode, so wie sie im Allgemeinen aus der Bibel interpretiert wurden, richtig seien oder nicht. Da sie sehr eng miteinander verbunden waren und sich meist ohne Worte verstanden, beschlossen sie, dass der Erste von ihnen, wenn er gestorben war, dem Anderen im Traume erscheinen sollte. Und da vielleicht eine längere Konversation im Traum nicht möglich sein könnte, sollte der Verstorbene seinem Mitbruder auf die Frage ‚taliter?‘ (was ‚so‘ bedeutet), nur kurz antworten, ob es dort so sei wie es in den aus der Bibel hergeleiteten Lehren hervorging, oder nicht. Der eine Bruder starb. Der Traum kam, wie vereinbart. Und der andere Bruder fragte: ‚taliter?‘ Worauf der andere nur den Kopf schüttelte und schnell antwortete: ‚taliter aliter‘ (‚völlig anders‘), worauf er leider verschwand.“

„Nette Geschichte“, sagte F. „Aber hilft uns das weiter? Bereits der Umstand, dass wir hier als Nebel herumfliegen, ist ja schon völlig anders, als wohl jeder von uns früher gedacht hätte. Wer soll uns denn hier ein Signal in welcher Form geben? Und das mit dem Traum funktioniert wohl gar nicht. Träumt jemand von Euch noch?“ rief er in die Runde.

Nein“, murmelten alle. „Jedenfalls nicht, dass ich wüsste“, meinte N. „Also, lieber B., hättest du vielleicht noch eine andere Idee?“ „Ja, ich denke, wir sollten nach allem Ausschau halten. Auch nach Sachen, die eigentlich nicht auffällig sind.“ „Du sprichst in Rätseln“, erwiderte N. „Was meinst du damit konkret?“ „Wir sehen ja unter uns die gesamte Stadt“, meinte B. „Die Menschen da unten, die Tiere, die Häuser, Fahrzeuge. Und wir sehen hier oben uns Nebelgebilde. Aber hat jemand von Euch schon gesehen, wie aus einem lebendigen Menschen plötzlich ein Nebeldampf wird? War jemand zugegen, wo gerade ein Mensch starb? Bei einem Unfall vielleicht, oder im Krankenhaus.“ “Ich als Pfarrer war schon oft dabei, wenn jemand starb“ sagte O. „Aber einen aufsteigenden Nebel oder das Entweichen der Seele habe ich noch nie gesehen. Allerdings…“ dabei stockte er ein wenig…“habe ich auch nie darauf geachtet.“ „Wir sind halt jetzt ganz anders sensibilisiert,“ meinte B. „Jetzt könnten wir es vielleicht merken.“ Plötzlich tauchte ein wenig vor ihnen ein ganz kleiner Nebel auf. „Da“, schrie F. „ein ganz winziger Nebel.“

Die Nebel

Franzi

„Hallo“, rief K. „Kannst du uns hören?“ Der kleine Nebel kam langsam näher. Dann zögerte er. „Papa“, kam eine ganz leise Stimme. „Papa?“. „O weh, eine Kinderseele“, sagte K. „Komm her, Kleine. Papa ist sicher auch da.“  „Hör auf mit dem Blödsinn“, meinte N. „Papa ist doch gar nicht hier. Die Kleine wird enttäuscht sein.“ „Woher wisst Ihr, dass es eine Mädchenseele ist?“ fragte F. „Wie heißt denn du?“ fragte er den kleinen Nebel. „Franzi. Seid Ihr Engel?“ „Ist jetzt Franzi ein Jungen- oder Mädchenname?“ fragte F. die Runde. „Vielleicht divers“, warf B. ein. „Entschuldigung, das sollte komisch sein“, fuhr er fort. Die anderen Nebel rückten wie tadelnd etwas von ihm ab. „Nein, Franzi, wir sind keine Engel“, rief K. „Wir waren Menschen wie du. Nur eben große Menschen.“ „Bin ich kein Mensch mehr?“ fragte der kleine Nebel ängstlich. „Wo ist Papa?“ „Papa ist wohl noch unten, auf der Erde, denke ich“, sprach K. „Wir wissen es nicht“, fügte sie hinzu. „Ihr wisst nicht, wo Papa ist? Ihr seid groß. Müsst wissen, wo Papa ist“, erwiderte der kleine Nebel. „Vielleicht sollten wir ihn rufen“, meinte O. Da riefen alle „Papa, Papa, Paaapa“. Und der kleine Nebel rief auch „Papa, Papa, wo bist Du?“ Plötzlich kam von weitem ein großer Nebel herangeschwebt. „Da bist du ja, Franzi. Ich habe dich gesucht.“ Der große Nebel flog zu den Anwesenden.

Hallo“, sagte er. „Seid Ihr auch…tot…Geister…Seelen oder so etwas?“ „Ja“, rief K. Wir sind alle Seelen von toten Menschen. Ich bin K.“ „Angenehm, soll ich wohl sagen?“ Ich bin D. Oder besser: Ich war D. Jetzt scheine ich ein Nebel zu sein. Ich brachte Franzi nach dem Wochenendbesuch zur Mutter, meiner Ex-Frau, zurück, wollte sie zurückbringen, wäre wohl richtiger gesagt. Dann hatten wir einen Verkehrsunfall. Ein Reh ist uns vors Auto gelaufen, ich wollte ausweichen, weiß, dass man das nicht machen soll, aber meine Tierliebe…na ja, die hat mir, uns, jetzt nichts genutzt, im Gegenteil. Ich weiß noch, dass das Auto auf einer Seite abhob, sich überschlug, Franzi schrie, dann kam ein Baum auf uns zu, und alles wurde dunkel. Jetzt sind wir wohl im Reich der Seelen, oder so? Wo sind wir, wer seid Ihr? Sollten wir nicht von Engeln abgeholt werden? Oder kommen wir jetzt ins Fegefeuer? Was ist hier los? Wo ist der Himmel?“

„Nun mal langsam“, sagte O. „Du stellst so viele Fragen. Aber wir alle…“ und dabei stockte er, „…haben diese Fragen auch.  Aber bisher leider keine Antworten. Vielleicht kommt noch etwas, vielleicht kommen Antworten, vielleicht Zeichen, wir müssen einfach abwarten, können ja auch nicht viel tun. Immerhin können wir uns sehen, können irgendwie kommunizieren, ob das Reden ist, weiß ich nicht. Wir sehen die Erdoberfläche, über der wir offenbar schweben, und lernen immer wieder neue Seelennebel kennen. Jetzt leider zum ersten Mal ein Kind.“

„Papa, ich will zur Mama“, flüsterte der kleine Nebel. „Wo ist Mama? Wann sind wir da?“ „Bald, schon bald, Mama muss noch etwas tun“, sagte D. „Was muss Mama tun?“ fragte Franzi. „Warum ist sie nicht da?“ „Ich weiß doch nicht“, antwortete D. hilflos. „Warum weißt du nicht?“ fragte Franzi hartnäckig. „Du hast doch gesagt, Mama muss noch etwas tun. Was muss sie tun? Einkaufen? Pizza holen? Zur Tankstelle? Papa, sag doch…“ D. war offenbar überfordert. Da sprang K. ein. „Liebe Franzi, oder soll ich sagen, lieber Franzi? Bist du eigentlich ein Mädchen oder ein Junge?“ „Ein Mädchen natürlich“, sagte Franzi. „Und du?“ „Ich bin K. eine Frau, ich war auch eine Mutti…ups.“ „Du warst eine Frau?“ kam Franzis prompte Antwort. „Und was bist du jetzt?“ „Jetzt bin ich ein Nebel. Das geht wohl irgendwann bei allen Menschen so. Alle Menschen werden Nebel. So wie Papa. Und du…“ „Und Mama? Wo ist Mama? Ist sie auch ein Nebel?“ „Ich glaube nicht“, meine K. zögernd…“Hör bitte auf“, sagte D. „Du überforderst doch das Kind. Was soll denn Franzi mit diesen Erklärungen anfangen? Du weißt doch selbst nichts. Alle hier scheinen nichts zu wissen.“ D. schwieg. Ein bedrückendes Schweigen setzte ein. Nur ein leises Geräusch kam von Franzi. Es klang wie Schluchzen oder Weinen.

Langsam und stockend sagte Franzi „Mama hat mir… immer vor dem Schlafen…gesagt, dass ich zum Herrn Jesus beten soll…Er behütet mich und alle Menschen…und irgendwann kommen…wir zu ihm. Sind wir jetzt…beim Herrn Jesus?“ „Diese Frage geht an Sie“, sagte F. und wendete sich an O. „Dafür sind Sie der Fachmann. Oder besser: Sie waren es.“ „Weißt du, Franzi“, begann er, „der Herr Jesus, oder Gott, passt immer auf alle Menschen auf, im Leben und im Tod…ähm. So beten wir immer…hm…haben wir gebetet. Ja, so sollten wir auch jetzt, als Nebel, beten. Wir sollten jetzt, hier, zu Gott beten und ihn bitten, dass er uns hilft, dass er uns zu sich holt.“

Ende

„Wirklich?“ fragte N. „Sollten wir? An welchen Gott? Wo ist er? Sieht es nicht so aus, dass alles, was uns die Pfaffen…Entschuldigung…die Pfarrer erzählt haben, Quatsch war?“ O.‘s Nebel wackelte hin und her. „Woher wollen Sie denn das wissen?“ fragte er entrüstet. „Wir Pfarrer lehren das, was in den Schriften steht und uns von den Vorfahren überliefert wurde. Natürlich wissen wir, dass vieles nur symbolhaft und nicht ganz wörtlich zu verstehen ist.“ „Ach so, das wissen Sie“, spottete N. „Schön, dass Sie überhaupt etwas wissen. Die Kirchen drehen doch alles so, wie sie es gerne hätten. Es wandelt sich im Laufe der Zeit. Die Gläubigen sollen glauben, gehorsam sein und eifrig spenden. Und die Herrschenden sollen zufrieden sein. Dann geht es auch der Kirche gut. Und wenn die gläubigen Menschen dann gestorben sind – klatsch – ist es aus mit der Erlösung und dem ewigen Leben. Wir alle – er sah in die Runde der anderen – geistern als Nebel hin und her. Schöne Bescherung. Und irgendwann verschwindet offenbar sogar der Nebel.“

Jetzt waren alle still. Auch das Schluchzen von Franzi hatte aufgehört.

Schließlich ergriff B. das Wort. „Es ist irgendwie lustig, dass sogar die Toten streiten. Wir haben jetzt viel gehört, Religiöses und Nichtreligiöses. Alle können glauben oder nicht glauben. Aber wie wird es weitergehen? Ist unsere Nebelzeit, die nach dem irdischen Tod beginnt, endgültig? Offenbar nicht, denn einige haben beobachtet, dass die Nebel irgendwann verschwinden. Aber was kommt dann? Kommt überhaupt etwas? Oder lösen sich die Nebel in ein Nichts auf? Verdunsten gewissermaßen? Vermischen sich mit der Atmosphäre in einer großen Suppe? Das sind doch buddhistische Gedanken, oder?“

„Es gibt sehr verschiedene Vorstellungen vom endgültigen Erlöstsein von den Wiedergeburten, sowohl im Buddhismus als auch im Hinduismus“, entgegnete O. „Im Grunde sind das alles Dinge, die über die menschliche Vorstellung hinausgehen. Egal, ob Nirvana oder Moksha, niemand kann es letztlich fassen und erklären. Deshalb gibt es so viele Richtungen und Varianten. Die Menschen suchen eben auch in den orientalischen Religionen, aber finden keine Lösung.“

„Aber wir sind doch jetzt schon so weit fortgeschritten“, sagte K. „Wir sind schon jenseits des irdischen Todes angekommen. Uns fehlt nur noch ein winziges Stück bis zur Erkenntnis. Irgendwie müssten wir das doch schaffen. Wie gesagt, wir müssten eigentlich nur wissen, wie die Nebel entstehen und wohin sie verschwinden.“

„Das hatten wir doch schon alles“, erwiderte F. „Wir drehen uns im Kreis und kommen einfach nicht weiter. Also können wir nur warten. Die Frage bleibt nach wie vor: Gibt es Gott? Was ist Gott? Wer sind wir? Was war vor uns? Was kommt danach? Immer wieder dieselben Fragen. Es ist einfach zum Verzweifeln.“

„Oh, das Licht“, rief plötzlich ein Nebel neben ihnen, den sie bisher kaum wahrgenommen hatten, weil er sehr blass und fast durchsichtig war. „Es kommt, es ist wahr, es…“ Schon war der Nebel verschwunden. Einfach weg. „Hallo Nebel“, rief A. „Kannst du uns hören?“ Es kam keine Antwort. „Aber er hat doch noch etwas gerufen, bevor er verschwand“, meinte B. „Ja, er hat gerufen ‚Oh, das Licht. Es kommt, es ist wahr‘“, sagte N. „Ich habe es genau gehört. Also scheint etwas daran zu sein, dass es noch etwas gibt. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Also scheint es Gott zu geben.“

Und noch lange diskutierten die Nebel, bis sie verschwanden und neue aufstiegen.

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