Berndt entschuldigt sich und Carlos

Berndt entschuldigt sich

„Es tut mir leid, liebe Julia. Ich wollte Dich nicht in die Enge treiben und auch Deinen Glauben nicht hinterfragen. Das steht mir nicht zu. Du bist evangelische Christin und hast uns dankenswerterweise einen Einblick in Deinen Glauben gewährt.

Und, wenn ich mich recht erinnere, hattest Du uns anderen eigentlich eine Frage gestellt, zu der wir bisher noch keine Stellung bezogen haben. Du hast etwas von Deinem weinenden Schutzengel gesagt und gefragt, ob nur Gott bestimmen kann oder darf, wann unser irdisches Leben zu Ende sein soll. Ob also bei der Frage des Selbstmordes unser freier Wille endet.

Ich fühle mich dabei im Moment überfordert. Wer kann helfen?“

 

 

Carlos spricht

„Hier sind wir doch schon wieder bei einer Definitionsfrage angelangt“, sagt er. „Julia hat wie selbstverständlich vom ‚freien Willen‘ gesprochen. Haben wir denn einen solchen ‚freien Willen‘?

Julia sprach davon, dass es unser freier Wille sei, Selbstmord begehen zu können. Und sie sprach davon, wir sollten uns an praktischen Dingen orientieren. Nun gut, fragen wir praktisch: Wie viele Menschen, die völlig verzweifelt sind oder krank oder traurig, haben versucht, sich umzubringen, aber es ist ihnen nicht gelungen? Der Strick ist gerissen, das Medikament war zu schwach, ein Retter sprang ins Wasser hinterher oder hat den Selbstmörder von der Brücke weggezerrt oder vom Dach geholt, Ärzte haben dem Halbtoten gerade noch rechtzeitig den Magen ausgepumpt, der Lokführer konnte noch rechtzeitig bremsen usw.

In solchen Fällen wurden die potentiellen Selbstmörder also von außen daran gehindert, Selbstmord zu begehen. Sie hatten zwar den Willen, zu sterben, durften es aber nicht.

Gläubige könnten jetzt sagen: ‚Ihr Schutzengel hat ihnen geholfen‘, ‚Gott hat es nicht gewollt‘.

Aha: Der ‚freie Wille‘ war demnach gar nicht so frei. Er endete demnach dort, wo Gott eingriff. Oder?

Aber was ist dann mit denen, bei denen der Selbstmord geklappt hat? Damit war dann Gott wohl einverstanden. Oder? Aber wenn Gott es wollte, hätte es ja gar nicht des ‚freien Willens‘ des Selbstmörders bedurft. Dann hätte er ja den Menschen auch so holen können.

Ist alles vielleicht vorbestimmt? Wenn ich mir die Pistole an den Kopf halte und abdrücke, ist das dann mein freier Wille? Oder ist es Bestimmung? Und wenn ich nicht abdrücke und die Pistole wieder weg lege, ist das mein freier Wille oder Vorbestimmung?

Wer an Gott glaubt, kann diesem Gott letztlich alles unterjubeln. ‚Es ist alles Gottes Wille‘, sagen manche. Man kann morden, vergewaltigen, foltern, ich selbst bin ja nicht dafür verantwortlich. Es ist alles Gottes Wille. Oder?
Wenn es keinen freien Willen gibt, dann bin ich ja an nichts schuld. Nur Gott ist schuld.

Liebe Julia, du sprachst von dem ‚freien Willen‘. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich: Haben wir wirklich einen freien Willen? Oder ist alles nur vorbestimmt? Irgendwie dreht sich alles im Kreise in meinem Kopf.“

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Der Dialog geht weiter

Berndt fragt noch einmal nach:

„Liebe Julia, vielen Dank für Deine Antwort. Ich denke, dass viele Menschen das ganz anders sehen als Du, aber andere sicherlich ebenso wie Du.

Jeder Mensch hat wohl seinen eigenen Glauben. Und andere haben auch ihren eigenen ‚Nicht-Glauben‘.

Mir würden zu dem, was Du gesagt hast, hunderte weitere Fragen einfallen, aber das wäre zu kompliziert. Wir sind ja beide keine Philosophen und vor allem keine Theologen. Wir wissen beide nicht, was von dem, was in der Bibel zu lesen ist, wahr ist und was nicht. Niemand weiß das, selbst Deine Pfarrerin nicht und auch nicht der Papst.

Es ist halt eine Frage des Glaubens. Und ich danke Dir, dass Du Dich zu Deinem Gottesglauben, oder besser ‚Christusglauben‘ bekannt hast. Denn wenn Du den geschichtlich bewiesenen Christus als ‚Gottes Sohn‘ bezeichnest, dann musst Du ja auch gleichzeitig an Gott glauben. Das ist doch richtig, oder? Aber an die ‚Gottesmutter‘ glaubst Du nicht, sagst Du. Aber Jesus, musste ja, wenn er eine geschichtlich bewiesene Figur war, auch eine Mutter haben? Oder sehe ich das falsch?“

 

Julia antwortet:

„Da hast Du mich zum Teil missverstanden. Natürlich glaube ich an Gott als den Vater von Jesus Christus. Das ist ja wohl die Grundlage des christlichen Glaubens.

Und natürlich hat Christus eine Mutter gehabt, die Maria. Aber sie war eben nichts Besonderes, nichts, was wir anbeten müssten. Sie war eben nur eine Frau aus dem Volk, die aus irgendeinem Grund, den wir nicht verstehen können, ausgewählt wurde, die Mutter von Jesus Christus zu sein. Aber ‚anbeten‘ dürfen wir ja nur Gott. So steht es im ersten Gebot, wenn ich mich recht erinnere.“

 

Berndt erwidert:

„Du hast ganz Recht. Maria dürfen wir eigentlich nicht anbeten. Zumindest nicht als ‚Göttin‘. Anbeten dürfen wir nur Gott. Auf jeden Fall gilt das für die gläubigen Juden. Und die Christen dürfen natürlich auch Jesus Christus anbeten. Denn er ist ja so wie Gott auch, denke ich. Und dann gibt es ja noch den Heiligen Geist.

Aber Maria können wir ja als ‚Vermittlerin‘ anrufen, die bei Gott ein gutes Wort für uns Sünder einlegen kann. Oder?“

 

Julia antwortet:           

„Das ist mir jetzt wirklich zu kompliziert. Ich bin evangelisch. Und mit dem ‚Marienkult‘ haben wir nichts am Hut. Wenn ich zu Gott beten will, dann kann ich das direkt tun. Und um Vergebung meiner Sünden bitten. Oder auch bei Jesus; denn er ist Gottes Sohn und sitzt, wie es heißt ‚zu seiner Rechten‘. Dafür brauche ich keine ‚Mutter Maria‘.

Aber warum versuchst Du mich ständig in die Enge zu treiben? Dieses Gespräch gefällt mir langsam nicht mehr. Bist Du katholisch und willst mich bekehren?“

Julia antwortet:

„‘Eine Frage‘, hast Du gesagt. Dabei waren es ganz viele Fragen! So leicht gehe ich Dir nicht auf den Leim! Aber ich will Dir gerne antworten, so gut ich kann. Und ich hoffe, dass ich mir dabei nicht selbst widerspreche.

Ich bin lutherisch-evangelisch. Also Protestantin, wie es so schön heißt. Ich glaube an das, was in der Bibel steht, an das Alte, vor allem aber an das Neue Testament. Aber ich glaube es nicht wörtlich, sondern nur sinngemäß. Vieles, was darin steht, ist, so sagt es unsere Pfarrerin auch, nur symbolisch zu verstehen. Die Texte der Bibel wurden ja von ganz unterschiedlichen Menschen zu ganz unterschiedlichen Zeiten verfasst. Natürlich von Männern, von alten dazu. Die Bibel ist ein Sammelsurium von Texten, die zum Teil jahrhundertelang verschollen waren, aus verschiedenen Sprachen in andere Sprachen übersetzt wurden, und bei denen wirklich vieles nicht wörtlich genommen werden darf.

Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn war oder ist, dass er für alle Menschen am Kreuz gestorben ist und wieder auferstand. Dass Christus gelebt hat, ist ja wohl auch geschichtlich bewiesen.

Ich glaube daran, dass gute Taten später einmal belohnt und schlechte bestraft werden. Also versuche ich, möglichst viel ‚Gutes‘ zu tun. Soweit ich das kann, natürlich. Da bin ich ganz ehrlich.

Ich glaube nicht an irgendwelche Heiligen, nicht an die sogenannte ‚Gottesmutter‘, nicht an die Sündenvergebung durch Geld an die Kirche, nicht an die sogenannten ‚Sakramente‘, also die Heiligkeit der Ehe, die Beichte beim Pfarrer und solchen Humbug. Auch nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes. Ich glaube auch nicht an ‚Teufelsaustreibungen‘ und irgendwelche göttlichen ‚Wunder‘.

Das ist so ungefähr, woran ich glaube. Im Einzelfall muss ich halt Spezialisten befragen, unsere Pfarrerin z.B.“

Der Bootslenker Berndt dankt Julia und stellt Fragen

„Vielen Dank, Julia. Endlich mal eine gläubige Christin auf diesem Boot. Natürlich hat auch Dein Schutzengel etwas mit unserer Reise zu tun. Alles, was zu unserem Leben gehört, betrifft uns und auch die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen. Die Frage nach dem Schutzengel ist natürlich legitim. Betrifft sie doch zum einen die Frage danach, ob alles oder vieles vorbestimmt ist, ob es Zufälle oder eine höhere Bestimmung gibt, ob wir einen freien Willen haben usw. und zum anderen die Frage, ob wir unser Leben selbst beenden können oder dürfen oder ob das eine ‚Sünde‘, oder nichtreligiös gesagt, etwas ‚Widernatürliches‘ oder ‚Unethisches‘ ist.

Das ist hochinteressant, und ich freue mich, dass wir auf diesem Boot darüber diskutieren können.

Aber gestatte mir zunächst eine Frage:

Du hast gesagt, dass Du eine ‚mehr oder weniger gläubige Christin‘ seist. Was heißt das? Glaubst Du mal an Christus und mal nicht? Oder glaubst Du nur an einen Teil des Christentums? Wenn ja, dann an welchen und an welchen nicht? Glaubst Du an die Worte der Bibel? An die der Pfarrer oder Priester? Warum sagst Du, dass Du ‚mehr oder weniger‘ glaubst?“

Zusammenfassung des Bootslenkers und Julia tritt auf

Nach der kurzen Rede von Carlos herrscht zunächst Schweigen. Dann ergreift der Bootslenker wieder das Wort.

 

Der Bootslenker fasst zusammen:

 

Ich weiß nichts.

Ich suche.

 

Das waren unsere Prämissen. Und inzwischen haben wir schon mehrere Meinungen gehört. Ich habe von der Dunkelheit der menschlichen Geschichte erzählt, von unserer kurzen Lebenszeit. Ich habe uns mit Insekten verglichen, habe Diesseits und Jenseits ins Spiel gebracht, erstmals nach dem ‚Woher‘ und dem ‚Wohin‘ gefragt.

Unser erster Mitreisender brachte den ‚Verstand‘ ins Gespräch, er sprach vom ‚Glauben‘, der ‚Hoffnung‘ und dem ‚Warten‘.

Daraufhin versuchte ich, die Frage des Glaubens etwas mehr zu vertiefen und zwischen Glauben und Wissen ein wenig abzugrenzen.

Dann aber legte unser erster Mitreisender richtig los: Ganz vorsichtig fragte er nach der Liebe, dann befasste er sich ausführlich mit den Atheisten, die er stark in Frage stellte, wenn ich es recht interpretiere. Nebenbei problematisierte er den Begriff des „Bootsführers“. Seitdem nannte ich mich Bootslenker.

Unser Mitreisender stellte dann nur noch Fragen: Nach der Geschichte und der Zukunft der Menschheit, den ethischen Begriffen, dem Denken und der Zukunft der Bildung.

Das war harter Tobak, und ich versuchte, zusammenzufassen und in den Betrachtungen ein wenig weiterzukommen. Die Angst vor der Unklarheit des Jenseits, vor dem Fallen in eine undurchdringliche Nacht ließ mich nicht los.

Da schaltete sich zum Glück der zweite Mitreisende ein: Er schalt uns des „Rumeierns“, sagte, wir seien zum Einen neugierig, und zum Anderen hätten wir nur Angst. Alsdann versuchte er, alles irgendwie miteinander zu verknüpfen, den Glauben und den Unglauben, die Religionen, die Philosophie, die Naturwissenschaften, die Gene, unsere Menschheitsgeschichte, und letztlich stellte er die Frage nach der Seele.

Was ist klar, was ist logisch, was ist richtig? Fragte er. Brauchen wir neue Methoden des Denkens oder ein neues Denken überhaupt?

 

Und dann kam noch Carlos. Er fragte, ob die Menschen eine Fehlentwicklung der Natur seien. Dann griff er die Problematik der Seele auf, wälzte sie hin und her, fragte nach dem Ob der Seele, ob auch Tiere eine Seele haben, und schließlich stellte er wieder die Frage nach der Wahrheit.

 

Wie sollen wir weiterkommen?

 

Als erstes, denke ich, dem Beispiel von Carlos folgend, sollten wir uns alle beim Namen nennen. Ich bin Berndt.“

„Ich bin Michael“, sagte der erste Mitreisende. „Ich nenne mich Klaus“, sagte der zweite Mitreisende.

Plötzlich hob sich ein Kopf, der unter einer großen Kapuze steckte: „Ich bin Julia“, sagte die Frau, die unter dem Umhang mit der Kapuze steckte. „Das ist sehr interessant, was Ihr so von Euch gebt, aber alles sehr theoretisch. Ich denke, wir sollten vielleicht versuchen, anhand von praktischen Beispielen weiterzukommen.“

„Gerne, nur zu“, murmelten die Männer. „Bitte sage, was Dich bewegt“, sagte Berndt.

 

„Nun gut“, sagte Julia. „Also, ich bin eine mehr oder weniger gläubige Christin. Und in meinem Leben habe ich schon etliche Dinge erlebt, Unfälle usw., bei denen ich eigentlich hätte sterben müssen. Aber irgendeine Stimme hat mir bisher immer gesagt, es sei noch nicht soweit, meine Zeit sei noch nicht gekommen. Ich nenne das, was bisher bei mir war und mich gerettet hat, meinen Schutzengel. Schon meine Mutter und Großmutter haben an den Schutzengel geglaubt. Ich bin mir sicher, dass jeder von Euch schon solche Erfahrungen gesammelt hat.

Vor einigen Tagen hatte ich einen Traum: Mein Schutzengel weinte. Ich kann ihn nicht beschreiben, aber er war da und er weinte. Warum? Ich hatte darüber nachgedacht, Selbstmord zu begehen, wenn ich älter, dement oder krank würde.

Dazu war ich bisher immer fest entschlossen. Vor allem deshalb, weil ich weiß, dass es die Großfamilien in unserer Gesellschaft, die die Alten schützen, kaum noch gibt, und weil ich weiß, wie schlimm es um die professionelle und medizinische Altenpflege in unserer Gesellschaft steht. Eigentlich nichts Schlimmes, dachte ich, schließlich hat uns der liebe Gott den freien Willen gegeben, und egal, was in der Bibel steht, wenn uns der liebe Gott diesen freien Willen gegeben hat, dann können wir den doch auch dafür benutzen, unsere irdische Existenz selbständig zu beenden. Dann müssen wir uns auch nicht wegen jahrtausendealten Vorschriften an unserem Lebensende quälen lassen. So dachte ich bisher.

Aber mein Schutzengel weinte. Ich dachte darüber nach und kam zu folgendem Ergebnis: Gott gab uns den freien Willen, aber auch den Schutzengel. Das heißt doch, dass unser freier Wille dort enden soll, wo eigentlich der Schutzengel eingreifen will und muss. Denn nur Gott bestimmt, wann unser Leben zu Ende sein soll.

Das ist doch logisch. Oder? Was meint Ihr dazu? Hat das überhaupt etwas mit unserer Reise zu tun?“

Carlos

Carlos

„Gestattet, ich bin Carlos“, meldet sich einer zu Wort, der bisher fast unbeachtet an der Reling gesessen hatte. „Vorhin habe ich etwas von der Ähnlichkeit zwischen den Tieren und den Menschen gehört. Und das beschäftigt mich die ganze Zeit.

Es ist doch wohl so, dass wir Menschen von den Tieren abstammen. Das wird ja heutzutage kaum noch einer bestreiten. Außer vielleicht einigen religiösen Fundamentalisten.

Ich frage mich in diesem Zusammenhang so vieles: Sind wir vielleicht immer noch Tiere, nur eben auf einer höheren Entwicklungsstufe als diese? Sarkastisch könnte man auch manchmal meinen, wir wären auf einer niedrigeren Stufe als manche Tiere. Weil wir drauf und dran sind, mit den Schöpfungen unseres Intellekts (unseres Verstandes möchte ich nicht sagen), unsere eigene Gattung auszurotten. Die Schöpfungen unseres Intellekts sind Waffen, industrielle und technische Errungenschaften, landwirtschaftliche, umweltzerstörende Produkte, politische und religiöse Ideologien, sich bekämpfende Staaten usw.  Die „Beißhemmung“, die die meisten Tiere haben, ist bei den Menschen vielfach abhandengekommen.

Bei der Evolution der Menschen haben sich insgesamt offenbar die kriegerischsten, brutalsten Exemplare gegenüber den harmloseren Vertretern der Menschengattung mehrheitlich durchgesetzt. Jedenfalls wurden sie eher die Herrschenden und Reichen als die Sklaven oder die Armen. Die Krieger haben die Denker verdrängt.

Wie dem auch sei: auch ich denke seit einiger Zeit darüber nach, ob die Menschen eine ‚Seele‘ haben. Dabei frage ich mich auch, was eine solche ‚Seele‘ sein könnte.

Die ‚Seele‘ ist ja in unserem Sprachgebrauch sehr präsent: ‚Das tut Leib und Seele gut‘, ‚ich wurde seelisch verletzt‘, ‚ich ging zum Seelendoktor‘, er wurde von ihr wegen ‚seelischer Grausamkeit‘ geschieden, ‚das ist Musik für die Seele‘, ‚die Seele hat den Körper verlassen‘, ‚gut essen und trinken hält Leib und Seele zusammen‘ usw.

Es wird häufig von der ‚Seele‘ gesprochen, aber noch nie hat jemand eine ‚Seele‘ gesehen, sie wurde noch nie vermessen (abgesehen von einigen skurrilen Versuchen, als Todkranke vor ihrem Ableben und dann wieder unmittelbar nach dem Tode gewogen wurden. Wenn sie nach dem Tode weniger wogen, wurde das mit dem Entfliegen der Seele erklärt). Wissenschaftlichen Überprüfungen hat das freilich nie standgehalten. Ebenso wenig überzeugend waren fotografische Aufnahmen mit allen möglichen Filmen, technischen Tricks etc., die die Seele zeigen sollten. Alles negativ.

Also gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir glauben trotz allem an eine Seele, oder nicht. Natürlich können wir auch ‚vielleicht‘ an eine Seele glauben, aber das bedeutet nur genau so viel, als ob man meint, dass man ‚vielleicht‘ einen Menschen liebt, dass man ‚vielleicht‘ gesund sei, dass man ‚vielleicht‘ im kommenden Jahr sterben wird. Das ‚Vielleicht‘ bringt einem beim Denken absolut nichts. Entscheidungen sind gefragt, und wenn sie falsch waren, kann man sie ja später widerrufen.

Ok, ich entscheide mich also dafür, dass es eine Seele gibt. Als junger Mann konnte ich das auch recht leicht begründen. Ich sagte mir einfach, all das, was ich einmal im Leben gedacht und gefühlt habe, kann ja mit meinem Tode nicht ‚verschwinden‘. Es gibt so etwas wie den ‚Energieerhaltungssatz‘ und nichts Gedachtes wird vergehen. Also auch meine Liebe nicht, meine Begeisterung, meine Ängste. Auch wenn der Körper und das Gehirn zerfallen.

Mein ältester Sohn hat mich am vergangenen Wochenende wieder an diese Gedanken erinnert.

Aber ist das wirklich so einfach? Besteht die Seele denn aus ‚Energie‘? Und wenn nicht, woraus besteht sie dann? Was gibt es noch außer Materie und Energie?

Gibt es einen ‚Urgrund‘ der Seele, der allen Seelen gemeinsam ist, aus dem sie kommen und in den sie wieder zurückkehren? Sind die Seelen ein ‚Gemeinschaftsbrei‘, aus dem einzelne Seelen sich individualisieren, in Menschen hineinschlüpfen und aus dem sie nach deren Tod wieder in die ‚Gemeinschaftsseele‘ zurückschlüpfen?

Ich muss zugeben, diese fernöstliche Sichtweise war mir nie angenehm. Ich sehe die Seelen eher als durch und durch individuell. Ich will nicht ewiglich ‚in der Masse schwimmen‘. Aber andere sehen das vielleicht anders und finden ihr Glück dabei.

Nur – was ist wahr? Wer zeigt mir die Wahrheit?

Vielleicht kann ich sie auf diesem Boot finden?”

Der Bootslenker antwortet:

Der Bootslenker antwortet:

„Vielen Dank. Ich glaube, da sind wir bei einem Hauptproblem angelangt. Das, was wir als ‚klar‘ und ‚logisch‘ oder gar ‚richtig‘ ansehen, ist und war offenbar bei den verschiedensten Menschen ganz unterschiedlich.

Schon seit Aristoteles oder sogar noch länger plagt sich die Menschheit mit diesem Problem herum. Logisches Denken soll z.B. ‚folgerichtiges‘ Denken sein.

Aber was wir unter der ‚Folgerichtigkeit‘ des Denkens zu verstehen haben, ist bereits aus der Sicht vieler Menschen durchaus interpretationsfähig. Denn welches Denken ist schon ‚folgerichtig‘? Was ist überhaupt ‚richtig‘ und was ‚nicht richtig‘ oder gar ‚falsch‘? ‚Richtig‘ ist ja ‚fehlerfrei‘ oder ‚den Regeln entsprechend‘.

Wer legt die Regeln fest?

Nur um einige zu nennen: Waren es Demokrit, Platon, Aristoteles, Laotse, Konfuzius, Augustinus, Paulus, Thomas von Aquin, Cusanus, Descartes, Spinoza, Kant, Voltaire, Hegel, Nietzsche, Feuerbach, Mao, Russell oder die modernen Naturwissenschaftler, die in den verschiedensten Lehrstühlen Dutzende von ‚Logikarten‘ zu erklären und zu analysieren versuchen? Es gibt heute Lehrstühle für ‚Logik und Sprachphilosophie‘, für ‚Logik und Wissenschaftstheorie‘, für ‚Logik in der Informatik‘ usw. Man kann damit also sein Leben verbringen und seinen Lebensunterhalt verdienen.

Wir maßen uns in unserer sogenannten ‚christlich-abendländlischen‘ Kultur an, erklären zu können, was ‚folgerichtiges‘ Denken bedeutet. Aber bereits im 6. oder 7. Jahrhundert vor dem Beginn ‚unserer Zeitrechnung‘ schrieb Laotse:

‚Das, was eins ist, ist eins. Das, was nicht eins ist, ist auch eins‘.

Das nennt man übrigens ‚paradoxe Logik‘. Wirft alles über den Haufen, woran unsere Wissenschaftler glauben.

Und wenn man Meister Eckhart liest, sofern man Dokumente von ihm noch uninterpretiert erhält, kommt man von allen ‚logischen‘ Gedanken sehr schnell weg.

Ich bin fast überzeugt davon: Wenn wir auf unserer Bootsreise etwas finden wollen, was uns wirklich weiterführt, dann kann es nicht auf den altgewohnten Pfaden des menschlichen Denkens stattfinden. Aber deshalb sind wir ja von den Wegen ins Boot umgestiegen.“