Das Murmeltier

Ein Murmeltier hat es sehr schwer:
Es murmelt hin, es murmelt her
und freut sich auf den Nachwuchs sehr.
Doch ständig droht ihm viel Gefahr:
Von Füchsen, Vögeln, Menschen gar.
Dafür gibt es den Murmelpfeifer,
der pfeift sehr laut in seinem Eifer.
Schon springt das Murmeltier ins Loch,
doch pfeift der Pfeifer immer noch,
Das wird ihm oft genug zum Graus:
Er hält es bis zum Ende aus,
so wie der Käpten auf dem Boot,
und oft ist das des Pfeifers Tod.
Der Tierfreund findet das nicht nett,
er pfeift auf Murmeltierchens Fett
und Esoterik-Heilungskrams,
das füllt nur des Verkäufers Wams.

Doch sind wir auch nicht besser dran,
uns fehlt der Murmelpfeifer-Mann
oder die Frau, die leise sagt,
wie uns des Menschseins Rohheit plagt,
wo wirklich uns Verderben droht
und was uns alle heut‘ bedroht.

Auch Menschen murmeln manchmal leise,
ein jeder auf die seine Weise,
und hat man einen Feind entdeckt,
der Mensch sich gern im Bau versteckt.
Doch hilft das nichts, lasst uns auf Erden,
wie Murmeltiere Freunde werden.

 

Advertisements

Josés Schatz

In einem kleinen portugiesischen Dorf an der Küste des großen, gewaltigen Atlantiks lebte ein Fischerjunge. Er hieß José. Seine Eltern waren arm. Sie lebten in einer kleinen Hütte, zusammengebastelt aus Brettern, Blech und Segeltuch, nicht weit entfernt vom Strand. Josés Vater war ein Fischer. Nachts fuhr er in seinem Boot hinaus aufs Meer und warf sein Netz aus. Nicht viel fing er. Es reichte gerade, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. Manchmal durfte José mitfahren. Er liebte es, wenn die Wellen des gewaltigen, dunklen, unendlichen Ozeans das kleine Boot in die Höhe hoben und schaukelten. Vor sich sah er seinen Vater, mit sehnigen Händen geschickt das Boot und das Netz handhabend, und er fühlte sich geborgen. Er legte sich im Boot zurück, besah den funkelnden Sternenhimmel und träumte. Er träumte davon, eines Tages ein Mann zu sein. Ein großer und starker Mann wollte er werden, so, wie sein Vater einer war. Aber mehr noch wollte er. Er wollte reich sein. Sein Vater sollte nicht mehr so hart arbeiten müssen, ein großes Boot mit einem starken Motor sollte er haben. Ein schönes, weißes Haus wollte er bauen, in dem seine Mutter und seine zwei Schwestern leben konnten. Und er selbst wollte dann am Strand sitzen, den feinen Sand durch seine Hände rieseln lassen und den Wind von den fernen Azoren in seinem Haar spüren.

So träumte José.

Der Alltag sah freilich anders für ihn aus. Schon früh musste er seinem Vater helfen. Er belud den kleinen Wagen, mit dem der oftmals karge Fang auf den Fischmarkt gefahren wurde. Dann war er dabei, wenn sein Vater versuchte, einen möglichst guten Preis für die wenigen Fische auszuhandeln, die er in Stunden unsäglicher Arbeit gefangen hatte. Er musste lernen. Eines Tages würde es seine Aufgabe sein, die Familie zu ernähren.

Dann ging José zur Schule. Er mochte die Schule nicht. Wie ein Gefangener fühlte er sich dort. Die braven Schwestern vom nahe gelegenen Kloster gaben sich alle Mühe, ihm das Alphabet beizubringen. Aber Josés Gedanken waren nicht beim Unterricht. Sie schweiften über das Meer. Zu fernen Küsten, golden, voller Schätze und Edelsteine, wo sich Kokospalmen sanft in dem Wind wiegten und der Strand mit kostbaren Steinen übersät war.

So träumte José in der Schule.

Sein größtes Vergnügen war es, wenn die Schule aus war, wenn er nicht zu Hause helfen musste und er frei am Strand entlanglaufen konnte. Dann hielt er nach Schätzen Ausschau. Er lief vor den Wellen entlang, wenn die Flut kam, und wenn sie ging. Seine lebendigen, braunen, scharfen Augen, auf den Boden geheftet, sahen alles, was das Meer angespült hatte. Manchmal fand er eine kleine Münze, abgeschliffen von der Brandung, manchmal auch nur eine besonders schöne Muschel, die er mir nach Hause nahm und in einer kleinen Kiste sorgfältig aufbewahrte. Dann und wann las er einen Fisch auf, der bei Ankunft der Ebbe nicht mehr die Kraft gehabt hatte, sich ins offenen Meer zurückzubegeben. Er säuberte ihn, und voller Stolz brachte er ihn nach Hause.

Das war das Leben des kleinen José.

An warmen Abenden, wenn die Familie Josés vor der kleinen Fischerhütte saß, hatte er seinen Vater erzählen gehört. Er sprach davon, wie sein Großvater, Josés Urgroßvater, eines Tages ein kleines Holzkästchen am Strand gefunden hatte. Es war mit Goldstücken gefüllt gewesen und von der Flut angeschwemmt worden. Wahrscheinlich hatte es von einem untergegangenen Schiff gestammt und war auf unerklärliche Weise von der Kraft der unbekannten tiefen Strömungen des großen Atlantiks direkt vor den Füßen des Großvaters an Land gespült worden. Der alte Fischer wurde damals durch sein unverhofftes Glück weithin im Land bekannt. Er hatte sich ein neues Boot gekauft und war stolz damit aufs Meer hinaus gefahren. Daneben aber, so wurde leise erzählt, war ihm der neue Reichtum in den Kopf gestiegen. Er hatte sich dem Trunke ergeben, mit allerlei zwielichtiger Gesellschaft getroffen, Würfel gespielt und war eines Tages nach einem gewaltigen Sturm nicht mehr mit seinem neuen Boot zurückgekehrt. Es wurde gemunkelt, dass man damals, in der Nacht, als der Sturm war, weit draußen am Horizont einen gewaltigen Feuerschein gesehen hätte, der die Nacht für einen Moment hell erleuchtete, aber Genaues darüber wusste man nicht. Jedenfalls, so sagte Josés Vater, wäre plötzlicher Reichtum nicht gut für einen armen, rechtschaffenen Mann, und sie sollten alle mit dem zufrieden sein, was ihnen gegeben war.

Dies hörte José. Und er träumte.

Er wollte auch einen Schatz finden. Noch einen viel größeren, als ihn einst der Urgroßvater gefunden hatte. Und er würde weise damit umgehen. Er würde auch ein neues Boot kaufen. Ein schmuckes, weißes Haus würde er bauen. Und er würde nicht spielen und nicht trinken. Segensreich würde er das Geld wirken lassen und dafür sorgen, dass seine Familie nie mehr an kargen Tagen hungern und von einer dünnen Suppe und einem Stückchen Brot leben musste. Er lief am Strand entlang. Wenn die Flut kam und wenn sie ging. Tag für Tag. Seine Korkschuhe hielt er in der Hand, seine ausgefransten Hosenbeine waren hochgekrempelt. Sein scharfes Auge hielt Ausschau. Manchmal fand er eine Münze. Manchmal eine besonders schön geformte Muschel. Und er bewahrte sie in seiner kleinen Holzkiste auf.

*

José war alt geworden. Sein Leben hatte er voller Arbeit, aber glücklich verbracht. Er hatte fünf Kinder. Weiterhin lebte er in der kleinen Hütte, zusammengebastelt aus Brettern, Blech und Segeltuch, nicht weit entfernt vom Strand. Sein Haar war grau, fast schon weiß. Aber seine braunen Augen funkelten voller Tiefe und Freundlichkeit in seinem verwitterten Gesicht. Sein ältester Sohn durfte ihn nachts manchmal im Boot begleiten, wenn er sein Netz auswarf. Dann musste er ihm helfen, den kargen Fang auf einen kleinen Wagen zu laden, um ihn zum Markt zu bringen, wo er versuchte, einen möglichst guten Preis bei den Händlern zu erzielen.

Immer noch, wie als kleiner Junge, lief José am Strand entlang, wenn die Flut kam, und wenn sie ging. Immer noch hoffte er, einen Schatz zu finden, größer, als ihn einst Urgroßvater gefunden hatte. Und an warmen Abenden, wenn die Familie vor der Hütte saß, die Sterne über sich sah und dem Rauschen der Brandung zuhörte, erzählte er davon, wie es einst Urgroßvater, dem Ururgroßvater seiner Kinder, ergangen war, und wie man mit Reichtum weise umgehen sollte.

So erzählte José.

Und Tag für Tag lief er am Strand entlang. Wenn die Flut kam und wenn sie ging. An einem Nachmittag, es war spät im August, war er am Strand. Seine ausgefransten Hosenbeine hatte er hochgekrempelt. Seine scharfen, braunen, freundlichen Augen spähten auf den Boden. Die Flut kam. Sie kam früher als gewöhnlich. Gelblich sah er etwas im Sand glänzen. War es ein Goldstück? Sobald die weißschaumigen Gischtzungen der anspülenden Wellen sich zurückgezogen hatten und die nächste, viel größere Woge herandonnerte, hob er es blitzschnell auf. Es war nur eine Muschel. Leer, tot und ringsherum abgeschliffen. Jose betrachtete sie. Die Sonne schien auf sein verwittertes, gefurchtes, braungebranntes Gesicht. Er lächelte. Dann steckte er die seltsame, kleine Muschelschale in seine Hosentasche. Er würde sie aufbewahren. In der kleinen Holzkiste, die er schon als Junge gehabt hatte und in der sich allerlei Kostbarkeiten befanden, wenn auch von geringem materiellen Wert auf dieser Welt.

Plötzlich drang etwas an Josés Ohr, das wie ein Schrei klang. Er spähte hinaus auf das Meer. Hinter Wellenbergen sah er einen kleinen Punkt, golden glänzend wie die Strahlen der Sonne. Dann sah er nichts mehr. Da, wieder, eine gewaltige Welle umspülte seine Füße und benetzte seine hochgekrempelten Hosenbeine. Er kümmerte sich aber nicht darum und trat keinen Schritt zurück. Irgendetwas sah er steil von dem goldgelben Punkt in der Ferne in die Luft aufragen. War es ein Arm? Wieder hörte er einen Schrei. Sollte etwa?— Viele Touristen gab es neuerdings in dieser Gegend. Sie liebten das Meer und die Sonne. Sie spielten im Wechsel der Gezeiten, ohne diese zu kennen. Sie schwammen weit hinaus, spielerisch, die eigenen Kräfte überschätzend und kamen oft mit letzter Kraft ans Ufer zurück. Aber nie hatte es einen Unfall gegeben. Denn das Meer war an dieser Stelle des Ufers recht flach. Über hundert Meter konnte ein erwachsener Mann hinausgehen, ohne den Halt unter den Füßen zu verlieren. Sanft führte der Sand des Ufers in die Tiefe. Keine tückischen Felsen gab es.

Aber heute war die Flut früher gekommen. Da war das Meer tiefer.

Plötzlich war da wieder dieser leise Schrei. José sah jetzt zwei Arme. In wilder Bewegung warfen sie sich in die Luft. Der goldgelbe Punkt war darunter. José zögerte keinen Moment. Seine Korkschuhe ließ er fallen. Er warf sich in die Brandung. José war ein guter Schwimmer. Schon als Junge hatte er sich über die Wellen tragen lassen. Sein Vater hatte es ihm beigebracht, wie man sich unter Einsatz weniger Kräfte lange und bequem über Wasser halten konnte. Er schwamm. In ruhigen, tiefen Zügen bewegte er sich auf den goldgelben Punkt zu. Manchmal vernebelte eine große Welle seinen Blick. Er tauchte durch sie hindurch und hatte sein Ziel wieder im Auge. Erneut hörte er den Schrei. José schwamm hastiger; noch waren es mehr als fünfzig Meter. Den Arm sah er wieder. Gerne hätte er ihn ergriffen. Aber da kam wieder eine Welle. José glitt hindurch. Er sah in der Ferne einen Kopf vor sich. Lange, blonde Haare, von der Sonne beschienen. Zwei Arme erhoben sich, wild gestikulierend, in die Luft. Noch etwas mehr als dreißig Meter. José schwamm schneller. Seine Lungen schmerzten. Wieder eine Welle. Dann sah er nichts mehr. Es musste doch hier gewesen sein. Plötzlich sah er vor sich eine Hand aus dem Wasser aufragen. Vielleicht 10 Meter entfernt war es. Er konzentrierte sich. Alle Sinne nahm er zusammen. Jetzt musste er da sein. José tauchte. Das Salzwasser biss ihm in die Augen. Nur verschwommene Umrisse nahm er wahr. Da sah er vor sich etwas hell aufscheinen. Sein linker Arm griff danach. Kraftvoll tauchte er auf. Einen Körper hielt er in seinen Armen. Reglos war er. Goldblonde Haarsträhnen fielen auf den Rücken eines vielleicht zwölfjährigen Mädchens. Jose schrie. Er presste den zarten Mädchenkörper mit einem Arm an sich. Mit dem anderen hielt er sich über Wasser. Er wollte dieses Wesen zum Leben erwecken. Dies war sein einziger Wunsch. Da schlug das Mädchen die Augen auf. Blaue Augen hatte es, tief wie das Meer. José lächelte. Fest hielt er das Mädchen im Arm. Er schwamm dem Ufer zu. Sein Arm, mit dem er das Kind umklammert hielt, schmerzte. Aber er spürte es nicht. Eine große Welle holte ihn ein. José tauchte darunter hinweg. Sein Arm hielt fest das Mädchen umklammert. Ihre Augen waren wieder geschlossen. José drückte sie an sich. Er versuchte, sie während des Schwimmens zu schütteln. Wenn sie doch bloß wieder ihre Augen öffnen würde! Aber schlaff und reglos hing sie in seinem Arm. Schneller schwamm José. Alle seine Kräfte nahm er zusammen. Sein Herz raste. Immer wieder tauchte sein weißes Haar aus der Gischt auf. Eine gewaltige Woge hob ihn. Sein Arm machte Schwimmbewegungen in der Luft. Er bemerkte es nicht. Wieder wurden er und das Mädchen überspült. Er hielt seinen Atem an. Fest presste er das Mädchen an sich. Über Wasser wollte er ihr zartes Gesicht halten. Weiter ging es dem Ufer zu. Vielleicht noch fünfzig Meter. José wusste, er würde, er musste es schaffen. Rote Nebel sah er vor seinen Augen. Jetzt kam es auf ihn an. Er musste durchhalten. Fest hielt sein Arm das Mädchen umklammert. Er presste den geschmeidigen, jungen Körper an sich. Noch dreißig Meter vielleicht. Wieder eine Welle. José duckte sich. Die Wellen spülten über seinen Kopf hinweg. Er nahm das Mädchen in beide Arme, drückte ihren Oberkörper fest an sich, presste ihren Brustkorb. Weiter schwamm er. Keuchend ging sein Atem. Er fühlte Stiche in seinem Herzen. Aber da kam das Ufer. José fühlte Boden unter seinen Füßen. Mit beiden Armen zog er das blonde Mädchen ans Land. Die ankommenden Wellen der hohen Flut schüttelten ihn, aber dennoch wankte er nicht. Kraftvoll hielten seine Arme und die alten schwieligen Hände das Mädchen unter den Schultern gepackt. Dann war er am Strand. José sank nieder. Das Mädchen lag an seiner Seite. Gischt umschäumte seine Zehen. Er blickte zum Himmel auf. Und er blickte auf das Mädchen mit dem goldblonden, langen Haar. Ihre Brust hob sich, wie zu einem Seufzer. Und dann sah er, wie sie ihre tiefen, blauen Augen aufschlug und ihn anblickte.

José wusste: Er hatte seinen Schatz gefunden. Dann stand sein altes Herz still.

 

Gute Vorsätze

Ein jeder sollte danach streben,
dass seine Welt in Ordnung ist,
soll glücklich und zufrieden leben,
wenn es den Nachbarn auch verdrießt.

Die kleinen Schläge überwinden,
die größeren mit Mut bestehn,
in seiner Seele Ruhe finden
und festen Schritts durchs Leben gehn.

Soll dabei stets und allerorten
versuchen, Gutes gern zu tun,
mit Taten helfen und mit Worten,
in diesem Streben niemals ruhn.

Dem Bettler eine Münze geben,
dem Zaghaften ein Pfeiler sein,
dem Traurigen das Haupt anheben,
dem Schuldigen die Tat verzeihn.

Wer dann noch täglich seine Pflichten
und all sein Werk mit Freude tut,
nach dem kannst du dich gerne richten,
vor ihm, da ziehe deinen Hut!

Klaus fragt nach:

Klaus fragt nach:

„Danke Hans, dass du uns – wenn auch nicht ganz freiwillig – dein Gesicht zeigst und deinen Namen genannt hast. Was du gesagt hast, ist aber nichts Neues. Versuchst, deine Träume zu behalten und sie zu analysieren. Das versuchen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Ganze Bibliotheken sind mit ‚Traumdeutungsbüchern‘ gefüllt. Es gibt viele Traumdeutungslehren, und auch Traumdeuter gab und gibt es einige. Die meisten davon aber sind Spinner, wenn du mich fragst. Doch mich fragst du ja nicht.

Du glaubst, dass Gott ab und zu mit dir spricht – was viele vor dir auch schon geglaubt haben – George W. Bush ist ein lustiges Beispiel, aber auch viele Propheten des Alten Testaments glaubten das. Dann kam Jesus, später auch Mohammed und noch viele andere Visionäre und Heilige oder auch Scheinheilige. Alle glaubten, Eingebungen und Erleuchtungen von Gott zu haben. In den fernöstlichen Religionen gibt es auch etliche dieser Exemplare  zu benennen.

Und jetzt erzählst auch du uns, lieber Hans, dass Gott dann und wann zu dir spricht. Ich kann darüber nur lächeln. Eigentlich ist es ja ganz einfach: Ich schließe die Augen, bringe mich in eine entspannte Position, konzentriere mich und bete. Und dann, manchmal, höre ich eine Stimme, die zu mir spricht. Er sagt mir vielleicht, was ich tun soll, oder er offenbart mir liebenswürdigerweise ein ganz kleines Stück des ‚großen Geheimnisses‘, was er ja ansonsten eigentlich nicht tut. Wenn es dir hilft, es sei dir gegönnt. Aber wir, und dabei schaute er in die Runde der anderen, können eigentlich auf deine Visionen verzichten.

Von Träumen berichtet uns auch der große portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa. In zahlreichen Pseudonymen und auch Heteronymen (ähnlich wie Pseudonyme, nur bei den Heteronymen haben alle Pseudonyme eine eigene Biografie und schreiben unter ihrem Heteronym quasi selbst), beschäftigt er sich mit der Realität und den Träumen. Er stellt die Frage, ob nicht die Realität auch nur ein Traum sei. Letztlich gäbe es keine Realität, sondern nur Träume. Wir Menschen wären auch nur Traumgestalten.

Das ist indes auch nichts Einzigartiges. Schon viele hatten diese Ideen. Franz Grillparzer (‚Der Traum ein Leben‘, 1834 im Burgtheater Wien uraufgeführt), orientierte sich an dem Drama von Pedro Calderón ‚Das Leben ist ein Traum‘ aus dem Jahre 1635. Dort ging es um die Frage der Freiheit und der Verantwortung. Aber das würde in diesem Gespräch zu weit führen.

Was ich sagen möchte, geht um eine der Grundfragen auf diesem Boot: ‚Was wissen wir, was können wir wissen?‘

Pessoa orientiert sich unter anderem an Platon. Sokrates sagte ja, wie es so oft heißt: ‚Ich weiß, dass ich nichts weiß‘. Das ist ja ein Widerspruch in sich selbst. Wie kann er so etwas behaupten? Wenn er nichts weiß, kann er auch das ja nicht wissen. Also gibt es doch ein Wissen. Aber, wer sich nur ein ganz klein wenig mit Platon beschäftigt, weiß, dass dieser blöde Spruch nur auf einem Übersetzungsfehler beruht, und dass Platon niemals einen solchen paradoxen Schwachsinn erzählt hätte. Er stellte nur die Möglichkeit des menschlichen Wissens grundsätzlich in Frage. Letztlich kam er auch nicht weiter als wir alle auf diesem Boot: Am Ende herrschte auch bei Platon Ratlosigkeit.

Aber Pessoa ging noch weiter. Er ließ einen seiner Heteronyme behaupten: ‘Ich kann nicht wissen, dass ich nichts weiß.’ Diese Lächerlichkeit nannte er dann ‚Ironie‘ und bezog sich dabei auf Sanchez. Der 1550 geborene Franciscus Sanchez war ein Skeptiker, der alles hinterfragte. Er wäre nie auf die Idee gekommen, im Aristotelischen Sinne beweisen zu können, dass er nichts weiß. Auch bei ihm herrschte am Ende – wie schon bei Platon – Ratlosigkeit. Wer will, kann das alles nachlesen. Am Ende wird er erkennen, dass auch die Philosophen und die Dichter uns nicht weiterhelfen.

Also, lieber Hans, bevor ich dich frage, was du damit meinst, dass ich ‚auf der richtigen Spur sei‘ (wenn ich dich recht verstanden habe), möchte ich dich doch dringend ersuchen, mit den Beschimpfungen anderer aufzuhören, z.B. der Julia, die wenigstens ihren evangelischen Glauben hat. Ich kann es aber verstehen, dass es dich ärgert, dass sie dir die Kapuze weggerissen hat.“

Die Reaktionen der Anderen

 

Die Reaktionen der Anderen

Carlos, Michael, Julia und Klaus rückten allmählich zu dem Vermummten am Bootsrand hin, so dass Berndt entsetzt rief: „Passt auf, das Boot bekommt Schlagseite. Bitte nicht alle zum Bootsrand rutschen, sonst kentern wir. Bleibt bitte möglichst in der Mitte des Bootes.“ Widerstrebend hielten die anderen inne und rutschten wieder in die Mitte. Nur Julia näherte sich immer mehr dem Vermummten. Carlos rief: „Berndt hat recht. Wir hören dir gerne zu und wollen auch mit dir diskutieren. Aber zunächst möchten wir wissen, wie du aussiehst und wer du bist.“ Michael nickte ebenfalls zustimmend. Klaus ergänzte: „Ja, wir sind alle wissbegierig und möchten gerne mit dir diskutieren. Aber mit einem Kapuzenmann können und wollen wir nicht reden.“

Währenddessen war Julia immer näher an den Vermummten gerutscht, und plötzlich, ohne Vorwarnung, riss sie ihm die Kapuze weg. Er versuchte noch, diese festzuhalten, aber vergebens.

Da saß er nun, in sich zusammengesunken, und sah die anderen an. Er war nicht mehr jung, aber auch noch kein Greis. Seine Haare waren grau, fast weiß, und ganz kurz geschnitten, vielleicht auf fünf Millimeter. Seine blaugrauen Augen fixierten Julia und die anderen.

„Jetzt seid ihr aber stolz“, brummelte er. „Vor allem die Herrin Julia, die nur alles weiß, was ihr die evangelische Pfarrerin sagt. Euer Geschwätz klingt wirklich recht blöd. Ihr wisst nichts und seid auch noch stolz darauf, beweihräuchert euch selbst mit eurem Nichtwissen. Habt ein bisschen gelesen und ein wenig studiert und meint nun, mit eurem bisschen Verstand kämet ihr weiter. Bringt Definitionen, verwerft sie wieder, stellt erneut alles in Frage und kommt nicht weiter. Dreht euch im Kreise. Der Einzige, den man ein wenig ernst nehmen kann, ist Klaus. Er ist auf einer Spur, weiß nur selbst nicht, auf welcher.

Ich bin kein Gott und auch kein Prophet. Aber ich versuche, Dinge zu verstehen. So, wie Ihr das auch tut. Einiges habe ich gelesen, noch viel zu wenig, fürchte ich. Aber ich bin auf der Spur, und ich hoffe, dass ich noch vor dem Ende meines Lebens etwas weiter gekommen sein werde.

Ganz viel gebe ich auf Träume und Visionen. Träume haben wir jede Nacht, aber leider vergessen wir die meisten während des Lebens im Tagesbewusstsein. Ganz schlimme, ganz wichtige oder auch immer wiederkehrende behalten wir uns. Das geht bis in die Kindheit zurück. Aber es scheint möglich zu sein, bei genügender Konzentration Träume besser behalten zu können. Ich versuche, das zu üben. Dafür gibt es etliche Kniffe, Hilfsmittel und Techniken. Leider stellen die meisten Träume nur Verarbeitungen des Tages dar oder versuchen, Ängste und Begierden zu bewältigen oder auch Sehnsüchte zu stillen. Aber einige scheinen ganz besondere Bedeutung zu haben, da wird der Vorhang zum Jenseits ein wenig geöffnet. Wenn wir es lernen, diese Träume zu behalten, dann können wir sie analysieren und im Leben weiter kommen.

Also versuche ich, ein bewusster Träumer zu werden.

Außerdem bete ich regelmäßig zu Gott, zu meinem Gott. Zu dem einen Gott, der alles und daher auch mich erschaffen hat. Ich bete auf meine eigene Weise, die ich in meinem Leben gefunden habe oder besser ‚gefunden zu haben glaube‘. Ob diese Weise auf Dauer oder auch für andere die richtige ist, kann ich nicht sagen.

Und manchmal spricht Gott zu mir. Ihr könnt lächeln oder mich für verrückt halten, mich mit anderen Menschen vergleichen, die das auch von sich behaupten oder behauptet haben und die ihr wahrscheinlich auch belächelt oder für verrückt haltet. Was soll’s? Jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Aber wenn man will, hilft Gott dabei. Davon bin ich überzeugt; denn ich glaube fest daran.

Ich könnte noch vieles sagen, aber jetzt wäre es wahrscheinlich zu viel.

Also versuche ich, herauszufinden, was Gott von mir will.

Übrigens – wenn ihr es denn wollt: Mein Name ist Hans.“

Berndt antwortet

 

Berndt antwortet:

„Was du gesagt hast, Vermummter ohne Namen, klingt sehr plausibel. Es klingt fast wie Meister Eckhart oder Robert Musil. Aber in einer leichten, populistischen Version. Trotzdem erschreckt es mich. Eigentlich hast du auf unserer Bootsreise nichts verloren; denn du glaubst, etwas zu wissen. Zumindest tust du so. Du sprichst in prophetischen Worten zu uns und willst uns erklären, was Gott ist, was er will und was wir tun sollen.

Aber genau das brauchen und wollen wir hier nicht. Schon so viele Scharlatane haben versucht, uns Gott zu erklären. Aber wir wissen ja gar nicht, ob es Gott gibt. Wir brauchen keine neuen Propheten, denke ich. Es hat schon so viele gegeben, aber keiner von ihnen hat uns die Erlösung, den Frieden, die Weisheit gebracht. Die Juden warten heute noch auf den Messias. Und sie lassen Millionen von Palästinensern in ihrem ‚gelobten Land‘ krepieren. Begründen dies scheinheilig mit Messer- und Raketenangriffen, aber sind eigentlich nur Rassisten. Dabei stammen sie mit den Palästinensern von derselben ‚Rasse‘. Die Christen glauben, dass Jesus der Messias war, aber sie hören nicht auf seine Worte. Und geholfen hat er der Welt bisher auch nicht. Millionen von Toten wurden im Namen der sogenannten ‚Christenheit‘ geopfert. Die Muslime glauben, dass Mohammed ihnen die Weisheit erklärt hat, aber sie bekriegen und töten sich gegenseitig und sind völlig zersplittert. In Asien gibt es viele Götter, aber den Frieden und die Weisheit finden wir auch dort nicht. Egal, ob im Taoismus, Hinduismus oder Buddhismus, es gibt Millionen von Vorschriften und immer wieder Gewalt und Kriege.

Wenn es einen Gott gibt – DAS kann er doch nicht wollen! Oder doch?

Lieber Vermummter: Wenn wir weiter sprechen sollen, dann verrate uns bitte zunächst Deinen Namen, sage uns, woher Du kommst und was Du von uns willst, und dann können wir gerne auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. ‚Götter‘ und ‚Propheten‘ haben auf unserem Boot nichts verloren.

Wir SUCHEN den Weg, aber wir finden ihn nicht. Das ist das Dilemma. Wir wissen nichts, aber sind wissbegierig. Ich bleibe dabei: Wir drehen uns im Kreis. Und wir kennen keinen Ausweg. Oder doch?“

Der Vermummte fährt fort:

Der Vermummte fährt fort:

„Wenn ich mit Gott spreche, frage ich: ‚Wie können wir uns Dich vorstellen? Du schufst uns nach Deinem Bilde. Wir sind ein Teil von Dir und Du bist ein Teil von uns?‘

Ist das nicht frevelhaft und gotteslästerlich?

‚Nein, mitnichten.‘

Stellt Euch das so vor:

Du, lieber und großer und gütiger Gott erfüllst uns ganz, wenn wir die menschlichen, die körperlichen Eigenschaften weglassen, wenn wir ‚leer‘ sind. Dann füllst Du uns mit Deinem göttlichen Wesen. Denn vor Gott gibt es kein Vakuum. Wenn etwas leer ist, füllt er es aus.

Dann sind wir Gott. Dann SIND wir.

Das ist das SEIN. Es ist nicht abhängig von Raum oder Zeit. Es ist ewig.

Andererseits aber sind wir nur eine Zelle von Gott, ein winziges Segment von ihm; denn er ist unendlich groß. Er ist umfassend und für uns Menschen unergründlich.

So können wir das für uns Menschen plausibel machen: Eine von Gottes Zellen sein zu dürfen, ist eine große Gnade. Denn Gott kümmert sich um jede seiner Zellen, sie sind ja Teile von ihm.

Es ist wie in unserem Körper, den uns Gott für die Dauer unseres Erdenlebens zur Verfügung gestellt hat. Er besteht aus Billionen von Zellen. Einzelne davon sterben schnell ab, die äußeren Hautzellen zum Beispiel. Sie fallen ab, werden abgewaschen oder abgeschnitten. Und trotzdem sind sie nicht sinnlos. Sonst wären sie nicht da. Manche existieren nur sehr kurz. Die meisten geben nur in großen Mengen Sinn. Eine einzige Zelle hat kaum Bedeutung. Manche Zellen kommen aus früherer Zeit. Wie zum Beispiel die Haare: In großen Gruppen können sie uns Wärme und Schutz geben, wenigstens ein bisschen. Aber wir brauchen sie heute eigentlich nicht mehr. Jedenfalls nicht so, wie die Vögel die Federn brauchen oder die Bisamratten oder Biber das Fell.

Manchen der heute lebenden Menschen sind für Gott vielleicht so überflüssig wie die Haare es bei uns sind, geworden sind.

Aber die Haare verleihen uns auch Schönheit. Wie der Bart dem Manne oder die langen Haare manchen Frauen oder Männern oder auch die Nägel und Kopf- und Barthaare bei den Sikhs. Sie erkennen wohl die Göttlichkeit der Haare. Jetzt fange ich an zu verstehen, warum die Sikhs ihre Haare nicht schneiden dürfen. Das trifft dort wohl für Männer und Frauen zu.

Lieber Gott, selbst wenn wir nur Haare oder Nägel von Dir sein dürfen, müssen wir dankbar sein, denke ich.

Manche Zellen von Dir sind aber vielleicht auch Organzellen, manche gehören zum Sehen, manche lassen das Herz schlagen, manche gehören zum Rückenmark, manche zum Gehirn. Manche sind wichtig, manche essentiell, manche überflüssig. Aber wir vermögen das nicht zu beurteilen.

Aber immer können es nur mehrere, viele Zellen sein, die eine Funktion erfüllen.

Eine einzelne Zelle von Dir kann kaum etwas ausrichten. – Höchstens vielleicht schreiben, singen, Dich loben oder zu Dir beten.

Ich danke Dir, dass ich eine Deiner Zellen sein darf.

Manche Gruppen von Menschen haben vielleicht so einen göttlichen Sinn.

Aber sie haben wohl keinen Sinn, wenn sie sich gegenseitig bekämpfen oder ausrotten.

Deshalb vermeiden es vielleicht die gläubigen Sikhs, dass sie mit ihren Händen oder Werkzeugen ihre Nägel und Haare abschneiden. Es ist für uns ‚Westler‘ oder ‚Christen‘ nur schwer nachvollziehbar, aber es ist verständlich.

Wir müssen und sollen unsere Zellen pflegen. Denn alle sind ein Teil von Gott.

Wenn wir aber mit unseren Händen und Werkzeugen beginnen, andere Menschen – oder auch Tiere – zu töten und zu vernichten, dann ist das eine Rebellion gegen Gott. Ausgenommen das ‚Einverleiben‘, das wir während unserer Lebenszeit benötigen. Vegan oder vegetarisch oder was auch immer: Wir müssen uns andere Zellen ‚einverleiben‘, um überleben zu können.

Und wie ist es bei Dir, großer Gott? Verleibst Du Dir auch Zellen ein für Dein ewiges Überleben? Verleibst Du Dir Sterne und Galaxien ein?

Diese Gedanken übersteigen unseren menschlichen Rahmen. Wir haben allenfalls eine Ahnung davon, aber mehr auch nicht.

Ich fasse also noch einmal zusammen:

Wir alle sind Zellen von Dir, lieber Gott.

Und Du erfüllst uns ganz, wenn wir unsere menschlichen Eigenschaften verlieren. Vor und nach unserem irdischen Leben sind wir von Dir erfüllt. JE LEERER WIR SIND, UMSO VOLLER SIND WIR VOR GOTT.

Deswegen brauchen wir keine Angst zu haben.

Aber während unserer von Dir gegebenen Lebenszeit sollen wir Dich loben, preisen und auch die anderen Wesen, die anderen Zellen, tierische und pflanzliche, pflegen, so gut wir können.

Zum Teil natürlich uns auch einverleiben, aber nur so weit, wie wir das für unser Leben brauchen.

Aber wir dürfen keine Zellen aus anderen Gründen vernichten oder töten.

Dann leben wir in Frieden miteinander und in Frieden mit Gott.

Wir sind Zellen Gottes und Gott erfüllt uns ganz.“

 

Die anderen Mitreisenden waren jetzt erst recht sprachlos und wußten eine ganze Zeitlang nicht, was sie entgegnen sollten.