Lobrechts Kur

 

Neulich war Professor Lobrecht
an der Nordsee in der Kur,
weil die Luft dort so gesund ist
und von salziger Natur.
Leider hatte er die schwarzen,
stinkenden Zigarren mit,
was die hohe Kurverwaltung
aber ganz und gar nicht litt.
Man verbot ihm strikt das Rauchen,
er jedoch hielt das nicht aus,
paffte auf dem Klo, und also
schickte Lobrecht man nach Haus.
Doktor Baumgart schimpfte schrecklich,
schalt ob Lobrechts Frevelei,
und er fragte den Professor,
was er sich gedacht dabei.
Dieser überlegte lange,
strich durch seinen weißen Bart,
dann sprach er: „Ich saß und dachte,
wie ist heut mein Stuhl so hart!“

Der Schweine-Igel

Ein Igel nahm sich eine Frau,
warum, das weiß man nicht genau;
zumindest galt es nicht als fein,
ein Igel ohne Frau zu sein.

Sehr schnell war dies der Igel leid.
Er dachte traurig an die Zeit,
als er noch Junggeselle war,
und nicht nur Teil von einem Paar.

Auch junge Igel kamen an,
die sahen ihn nur dann und wann.
Nach anderem stand ihm der Sinn:
Gertrud, der jungen Igelin.

Er Gertrud zur Geliebten nahm,
von der er nie genug bekam.
Im Rausche war der Nimmersatt,
da fuhr ihn – peng – ein Auto platt.

Moral:
Wer sich ein Liebchen hat genommen,
kann leicht unter die Räder kommen.

Die Erfindung des WC

Vor vielen Jahren saß ein Mann
vergnügt auf der Toilette,
tat, was er musste, und sodann
zog er die Spülungskette.

Er zog recht kräftig, fest und kurz,
wie er es einst erlernte,
doch kam darauf kein Wassersturz,
der rasch sein Werk entfernte.

Sobald er dieses Pech erkannt,
stieg er auf des Beckens Rand,
damit er nun aus nächster Nähe,
den Wasserkasten sich besähe.

Er fiel und brauchte einen Halt,
die Hände suchend fassten
die Kette, die nun mit Gewalt
herunterriss den Kasten.

Er fiel genau auf seinen Fuß –
Es kam nun auch der Wasserguss;
der arme Mann rief Ach und Weh,
gebrochen war sein großer Zeh.

Wie es bei jedem Missgeschick:
Die Sache wurde schnell publik;
und seitdem nennt man jenen Ort
Weh-Zeh, mit diesem Doppelwort.

(Un)Verziertes

Mit „Ver“ und „ung“, das sieht man hier,
wird die Verzierung aus der Zier.
Wenn man nur „ver“ und „un“ addiert
Sowie ein „t“, wirds unverziert.
Dies ist mitunter gar nicht schlecht;
Denn manche Zier, die ziert nicht recht:
Ein Künstler, der für Kunst immun wird,
nicht mehr verziert, nur noch verunziert.

Hier schürft man besser nicht mehr tiefer,
sonst kommt man noch bis Ungeziefer.
Dabei ist manches kleine Untier
Viel schöner als der Menschen Unzier.

Die Viren

Zwei Viren trafen einen Mann

am Morgen in der Straßenbahn.

Der Herr sah frisch und munter aus

und fuhr zur Arbeit von zu Haus.

Die Viren sprachen : “Ach wie fein,

bei jenem nisten wir uns ein.“

 

Gesagt, getan. Kaum war’s gesprochen,

sind sie ihm in den Hals gekrochen.

Dort blieben sie den ganzen Tag,

bis abends er im Bette lag.

Indes, so sei man noch belehrt,

hatten die Viren sich vermehrt.

Es waren nicht mehr nur die zwei,

sondern zweitausend oder drei-.

 

Des Nachts nun fingen diese an

zu kriechen durch den armen Mann,

in die Beine, Arme, Hände,

durch Adern und durch Zellenwände,

ins Gehirn und in den Bauch,

wie es bei den Viren Brauch;

sie schwammen hin, sie schwammen her

-und es wurden immer mehr!

 

Ein neuer Tag nimmt seinen Lauf.

Der Wecker schrillt. Der Mann wacht auf,

will die Glieder wohlig strecken

und erkennt mit großem Schrecken,

dass er krank geworden ist,

was ihn ärgert und verdrießt.

Es schmerzt der Kopf, und er hat Fieber,

den ganzen Tag im Bette blieb er.

 

Unterdessen sind die Viren

gewandert bis in Herz und Nieren,

haben, wie es musste kommen,

vom ganzen Mann Besitz genommen;

waren in der zweiten Nacht

auf der Höhe ihrer Macht,

die sie dergestalt genossen,

dass neue Viren ihr entsprossen.

 

Am nächsten Tag, ach große Not,

da fühlt der Mann sich schon halb tot;

er ächzt und stöhnt, kann kaum noch leben,

geschweige denn die Glieder heben,

also dass zum guten Schluss

dann der Doktor kommen muss.

Dieser gibt ihm mancherlei:

Teuren Rat und Arzenei.

 

Wie man weiss,  sind Viren nun

gegen Medizin immun.

Tabletten, Pulver, Spritzen, Saft

geben ihnen neue Kraft,

sind für sie nur Leckerbissen,

die sie hoch zu schätzen wissen.

Und unser Mann, so ist das eben,

blieb weiter krank, die Viren –leben.

 

Es geht der Krug, wer kennt das nicht,

so lang zum Wasser, bis er bricht.

Genauso war die Sache hier:

Die Viren fraßen voller Gier,

was nur das war, mit Genuss,

schwelgten in dem Überfluss,

bis sie Maß und Ziel vergaßen

und sich gegenseitig fraßen.

 

Gesund fuhr wieder unser Mann

Am Morgen in der Straßenbahn.

Er sah recht blass und kränklich aus,

ob vom Aufenthalt zu Haus

oder vom Behandlungspreis,

das nur der Arzt zu sagen weiß.

 

Klaus fragt nach:

Klaus fragt nach:

„Danke Hans, dass du uns – wenn auch nicht ganz freiwillig – dein Gesicht zeigst und deinen Namen genannt hast. Was du gesagt hast, ist aber nichts Neues. Versuchst, deine Träume zu behalten und sie zu analysieren. Das versuchen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Ganze Bibliotheken sind mit ‚Traumdeutungsbüchern‘ gefüllt. Es gibt viele Traumdeutungslehren, und auch Traumdeuter gab und gibt es einige. Die meisten davon aber sind Spinner, wenn du mich fragst. Doch mich fragst du ja nicht.

Du glaubst, dass Gott ab und zu mit dir spricht – was viele vor dir auch schon geglaubt haben – George W. Bush ist ein lustiges Beispiel, aber auch viele Propheten des Alten Testaments glaubten das. Dann kam Jesus, später auch Mohammed und noch viele andere Visionäre und Heilige oder auch Scheinheilige. Alle glaubten, Eingebungen und Erleuchtungen von Gott zu haben. In den fernöstlichen Religionen gibt es auch etliche dieser Exemplare  zu benennen.

Und jetzt erzählst auch du uns, lieber Hans, dass Gott dann und wann zu dir spricht. Ich kann darüber nur lächeln. Eigentlich ist es ja ganz einfach: Ich schließe die Augen, bringe mich in eine entspannte Position, konzentriere mich und bete. Und dann, manchmal, höre ich eine Stimme, die zu mir spricht. Er sagt mir vielleicht, was ich tun soll, oder er offenbart mir liebenswürdigerweise ein ganz kleines Stück des ‚großen Geheimnisses‘, was er ja ansonsten eigentlich nicht tut. Wenn es dir hilft, es sei dir gegönnt. Aber wir, und dabei schaute er in die Runde der anderen, können eigentlich auf deine Visionen verzichten.

Von Träumen berichtet uns auch der große portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa. In zahlreichen Pseudonymen und auch Heteronymen (ähnlich wie Pseudonyme, nur bei den Heteronymen haben alle Pseudonyme eine eigene Biografie und schreiben unter ihrem Heteronym quasi selbst), beschäftigt er sich mit der Realität und den Träumen. Er stellt die Frage, ob nicht die Realität auch nur ein Traum sei. Letztlich gäbe es keine Realität, sondern nur Träume. Wir Menschen wären auch nur Traumgestalten.

Das ist indes auch nichts Einzigartiges. Schon viele hatten diese Ideen. Franz Grillparzer (‚Der Traum ein Leben‘, 1834 im Burgtheater Wien uraufgeführt), orientierte sich an dem Drama von Pedro Calderón ‚Das Leben ist ein Traum‘ aus dem Jahre 1635. Dort ging es um die Frage der Freiheit und der Verantwortung. Aber das würde in diesem Gespräch zu weit führen.

Was ich sagen möchte, geht um eine der Grundfragen auf diesem Boot: ‚Was wissen wir, was können wir wissen?‘

Pessoa orientiert sich unter anderem an Platon. Sokrates sagte ja, wie es so oft heißt: ‚Ich weiß, dass ich nichts weiß‘. Das ist ja ein Widerspruch in sich selbst. Wie kann er so etwas behaupten? Wenn er nichts weiß, kann er auch das ja nicht wissen. Also gibt es doch ein Wissen. Aber, wer sich nur ein ganz klein wenig mit Platon beschäftigt, weiß, dass dieser blöde Spruch nur auf einem Übersetzungsfehler beruht, und dass Platon niemals einen solchen paradoxen Schwachsinn erzählt hätte. Er stellte nur die Möglichkeit des menschlichen Wissens grundsätzlich in Frage. Letztlich kam er auch nicht weiter als wir alle auf diesem Boot: Am Ende herrschte auch bei Platon Ratlosigkeit.

Aber Pessoa ging noch weiter. Er ließ einen seiner Heteronyme behaupten: ‚Ich kann nicht wissen, dass ich nichts weiß.‘ Diese Lächerlichkeit nannte er dann ‚Ironie‘ und bezog sich dabei auf Sanchez. Der 1550 geborene Franciscus Sanchez war ein Skeptiker, der alles hinterfragte. Er wäre nie auf die Idee gekommen, im Aristotelischen Sinne beweisen zu können, dass er nichts weiß. Auch bei ihm herrschte am Ende – wie schon bei Platon – Ratlosigkeit. Wer will, kann das alles nachlesen. Am Ende wird er erkennen, dass auch die Philosophen und die Dichter uns nicht weiterhelfen.

Also, lieber Hans, bevor ich dich frage, was du damit meinst, dass ich ‚auf der richtigen Spur sei‘ (wenn ich dich recht verstanden habe), möchte ich dich doch dringend ersuchen, mit den Beschimpfungen anderer aufzuhören, z.B. der Julia, die wenigstens ihren evangelischen Glauben hat. Ich kann es aber verstehen, dass es dich ärgert, dass sie dir die Kapuze weggerissen hat.“

Die Reaktionen der Anderen

 

Die Reaktionen der Anderen

Carlos, Michael, Julia und Klaus rückten allmählich zu dem Vermummten am Bootsrand hin, so dass Berndt entsetzt rief: „Passt auf, das Boot bekommt Schlagseite. Bitte nicht alle zum Bootsrand rutschen, sonst kentern wir. Bleibt bitte möglichst in der Mitte des Bootes.“ Widerstrebend hielten die anderen inne und rutschten wieder in die Mitte. Nur Julia näherte sich immer mehr dem Vermummten. Carlos rief: „Berndt hat recht. Wir hören dir gerne zu und wollen auch mit dir diskutieren. Aber zunächst möchten wir wissen, wie du aussiehst und wer du bist.“ Michael nickte ebenfalls zustimmend. Klaus ergänzte: „Ja, wir sind alle wissbegierig und möchten gerne mit dir diskutieren. Aber mit einem Kapuzenmann können und wollen wir nicht reden.“

Währenddessen war Julia immer näher an den Vermummten gerutscht, und plötzlich, ohne Vorwarnung, riss sie ihm die Kapuze weg. Er versuchte noch, diese festzuhalten, aber vergebens.

Da saß er nun, in sich zusammengesunken, und sah die anderen an. Er war nicht mehr jung, aber auch noch kein Greis. Seine Haare waren grau, fast weiß, und ganz kurz geschnitten, vielleicht auf fünf Millimeter. Seine blaugrauen Augen fixierten Julia und die anderen.

„Jetzt seid ihr aber stolz“, brummelte er. „Vor allem die Herrin Julia, die nur alles weiß, was ihr die evangelische Pfarrerin sagt. Euer Geschwätz klingt wirklich recht blöd. Ihr wisst nichts und seid auch noch stolz darauf, beweihräuchert euch selbst mit eurem Nichtwissen. Habt ein bisschen gelesen und ein wenig studiert und meint nun, mit eurem bisschen Verstand kämet ihr weiter. Bringt Definitionen, verwerft sie wieder, stellt erneut alles in Frage und kommt nicht weiter. Dreht euch im Kreise. Der Einzige, den man ein wenig ernst nehmen kann, ist Klaus. Er ist auf einer Spur, weiß nur selbst nicht, auf welcher.

Ich bin kein Gott und auch kein Prophet. Aber ich versuche, Dinge zu verstehen. So, wie Ihr das auch tut. Einiges habe ich gelesen, noch viel zu wenig, fürchte ich. Aber ich bin auf der Spur, und ich hoffe, dass ich noch vor dem Ende meines Lebens etwas weiter gekommen sein werde.

Ganz viel gebe ich auf Träume und Visionen. Träume haben wir jede Nacht, aber leider vergessen wir die meisten während des Lebens im Tagesbewusstsein. Ganz schlimme, ganz wichtige oder auch immer wiederkehrende behalten wir uns. Das geht bis in die Kindheit zurück. Aber es scheint möglich zu sein, bei genügender Konzentration Träume besser behalten zu können. Ich versuche, das zu üben. Dafür gibt es etliche Kniffe, Hilfsmittel und Techniken. Leider stellen die meisten Träume nur Verarbeitungen des Tages dar oder versuchen, Ängste und Begierden zu bewältigen oder auch Sehnsüchte zu stillen. Aber einige scheinen ganz besondere Bedeutung zu haben, da wird der Vorhang zum Jenseits ein wenig geöffnet. Wenn wir es lernen, diese Träume zu behalten, dann können wir sie analysieren und im Leben weiter kommen.

Also versuche ich, ein bewusster Träumer zu werden.

Außerdem bete ich regelmäßig zu Gott, zu meinem Gott. Zu dem einen Gott, der alles und daher auch mich erschaffen hat. Ich bete auf meine eigene Weise, die ich in meinem Leben gefunden habe oder besser ‚gefunden zu haben glaube‘. Ob diese Weise auf Dauer oder auch für andere die richtige ist, kann ich nicht sagen.

Und manchmal spricht Gott zu mir. Ihr könnt lächeln oder mich für verrückt halten, mich mit anderen Menschen vergleichen, die das auch von sich behaupten oder behauptet haben und die ihr wahrscheinlich auch belächelt oder für verrückt haltet. Was soll’s? Jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Aber wenn man will, hilft Gott dabei. Davon bin ich überzeugt; denn ich glaube fest daran.

Ich könnte noch vieles sagen, aber jetzt wäre es wahrscheinlich zu viel.

Also versuche ich, herauszufinden, was Gott von mir will.

Übrigens – wenn ihr es denn wollt: Mein Name ist Hans.“

Berndt antwortet

 

Berndt antwortet:

„Was du gesagt hast, Vermummter ohne Namen, klingt sehr plausibel. Es klingt fast wie Meister Eckhart oder Robert Musil. Aber in einer leichten, populistischen Version. Trotzdem erschreckt es mich. Eigentlich hast du auf unserer Bootsreise nichts verloren; denn du glaubst, etwas zu wissen. Zumindest tust du so. Du sprichst in prophetischen Worten zu uns und willst uns erklären, was Gott ist, was er will und was wir tun sollen.

Aber genau das brauchen und wollen wir hier nicht. Schon so viele Scharlatane haben versucht, uns Gott zu erklären. Aber wir wissen ja gar nicht, ob es Gott gibt. Wir brauchen keine neuen Propheten, denke ich. Es hat schon so viele gegeben, aber keiner von ihnen hat uns die Erlösung, den Frieden, die Weisheit gebracht. Die Juden warten heute noch auf den Messias. Und sie lassen Millionen von Palästinensern in ihrem ‚gelobten Land‘ krepieren. Begründen dies scheinheilig mit Messer- und Raketenangriffen, aber sind eigentlich nur Rassisten. Dabei stammen sie mit den Palästinensern von derselben ‚Rasse‘. Die Christen glauben, dass Jesus der Messias war, aber sie hören nicht auf seine Worte. Und geholfen hat er der Welt bisher auch nicht. Millionen von Toten wurden im Namen der sogenannten ‚Christenheit‘ geopfert. Die Muslime glauben, dass Mohammed ihnen die Weisheit erklärt hat, aber sie bekriegen und töten sich gegenseitig und sind völlig zersplittert. In Asien gibt es viele Götter, aber den Frieden und die Weisheit finden wir auch dort nicht. Egal, ob im Taoismus, Hinduismus oder Buddhismus, es gibt Millionen von Vorschriften und immer wieder Gewalt und Kriege.

Wenn es einen Gott gibt – DAS kann er doch nicht wollen! Oder doch?

Lieber Vermummter: Wenn wir weiter sprechen sollen, dann verrate uns bitte zunächst Deinen Namen, sage uns, woher Du kommst und was Du von uns willst, und dann können wir gerne auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. ‚Götter‘ und ‚Propheten‘ haben auf unserem Boot nichts verloren.

Wir SUCHEN den Weg, aber wir finden ihn nicht. Das ist das Dilemma. Wir wissen nichts, aber sind wissbegierig. Ich bleibe dabei: Wir drehen uns im Kreis. Und wir kennen keinen Ausweg. Oder doch?“

Der Vermummte fährt fort:

Der Vermummte fährt fort:

„Wenn ich mit Gott spreche, frage ich: ‚Wie können wir uns Dich vorstellen? Du schufst uns nach Deinem Bilde. Wir sind ein Teil von Dir und Du bist ein Teil von uns?‘

Ist das nicht frevelhaft und gotteslästerlich?

‚Nein, mitnichten.‘

Stellt Euch das so vor:

Du, lieber und großer und gütiger Gott erfüllst uns ganz, wenn wir die menschlichen, die körperlichen Eigenschaften weglassen, wenn wir ‚leer‘ sind. Dann füllst Du uns mit Deinem göttlichen Wesen. Denn vor Gott gibt es kein Vakuum. Wenn etwas leer ist, füllt er es aus.

Dann sind wir Gott. Dann SIND wir.

Das ist das SEIN. Es ist nicht abhängig von Raum oder Zeit. Es ist ewig.

Andererseits aber sind wir nur eine Zelle von Gott, ein winziges Segment von ihm; denn er ist unendlich groß. Er ist umfassend und für uns Menschen unergründlich.

So können wir das für uns Menschen plausibel machen: Eine von Gottes Zellen sein zu dürfen, ist eine große Gnade. Denn Gott kümmert sich um jede seiner Zellen, sie sind ja Teile von ihm.

Es ist wie in unserem Körper, den uns Gott für die Dauer unseres Erdenlebens zur Verfügung gestellt hat. Er besteht aus Billionen von Zellen. Einzelne davon sterben schnell ab, die äußeren Hautzellen zum Beispiel. Sie fallen ab, werden abgewaschen oder abgeschnitten. Und trotzdem sind sie nicht sinnlos. Sonst wären sie nicht da. Manche existieren nur sehr kurz. Die meisten geben nur in großen Mengen Sinn. Eine einzige Zelle hat kaum Bedeutung. Manche Zellen kommen aus früherer Zeit. Wie zum Beispiel die Haare: In großen Gruppen können sie uns Wärme und Schutz geben, wenigstens ein bisschen. Aber wir brauchen sie heute eigentlich nicht mehr. Jedenfalls nicht so, wie die Vögel die Federn brauchen oder die Bisamratten oder Biber das Fell.

Manchen der heute lebenden Menschen sind für Gott vielleicht so überflüssig wie die Haare es bei uns sind, geworden sind.

Aber die Haare verleihen uns auch Schönheit. Wie der Bart dem Manne oder die langen Haare manchen Frauen oder Männern oder auch die Nägel und Kopf- und Barthaare bei den Sikhs. Sie erkennen wohl die Göttlichkeit der Haare. Jetzt fange ich an zu verstehen, warum die Sikhs ihre Haare nicht schneiden dürfen. Das trifft dort wohl für Männer und Frauen zu.

Lieber Gott, selbst wenn wir nur Haare oder Nägel von Dir sein dürfen, müssen wir dankbar sein, denke ich.

Manche Zellen von Dir sind aber vielleicht auch Organzellen, manche gehören zum Sehen, manche lassen das Herz schlagen, manche gehören zum Rückenmark, manche zum Gehirn. Manche sind wichtig, manche essentiell, manche überflüssig. Aber wir vermögen das nicht zu beurteilen.

Aber immer können es nur mehrere, viele Zellen sein, die eine Funktion erfüllen.

Eine einzelne Zelle von Dir kann kaum etwas ausrichten. – Höchstens vielleicht schreiben, singen, Dich loben oder zu Dir beten.

Ich danke Dir, dass ich eine Deiner Zellen sein darf.

Manche Gruppen von Menschen haben vielleicht so einen göttlichen Sinn.

Aber sie haben wohl keinen Sinn, wenn sie sich gegenseitig bekämpfen oder ausrotten.

Deshalb vermeiden es vielleicht die gläubigen Sikhs, dass sie mit ihren Händen oder Werkzeugen ihre Nägel und Haare abschneiden. Es ist für uns ‚Westler‘ oder ‚Christen‘ nur schwer nachvollziehbar, aber es ist verständlich.

Wir müssen und sollen unsere Zellen pflegen. Denn alle sind ein Teil von Gott.

Wenn wir aber mit unseren Händen und Werkzeugen beginnen, andere Menschen – oder auch Tiere – zu töten und zu vernichten, dann ist das eine Rebellion gegen Gott. Ausgenommen das ‚Einverleiben‘, das wir während unserer Lebenszeit benötigen. Vegan oder vegetarisch oder was auch immer: Wir müssen uns andere Zellen ‚einverleiben‘, um überleben zu können.

Und wie ist es bei Dir, großer Gott? Verleibst Du Dir auch Zellen ein für Dein ewiges Überleben? Verleibst Du Dir Sterne und Galaxien ein?

Diese Gedanken übersteigen unseren menschlichen Rahmen. Wir haben allenfalls eine Ahnung davon, aber mehr auch nicht.

Ich fasse also noch einmal zusammen:

Wir alle sind Zellen von Dir, lieber Gott.

Und Du erfüllst uns ganz, wenn wir unsere menschlichen Eigenschaften verlieren. Vor und nach unserem irdischen Leben sind wir von Dir erfüllt. JE LEERER WIR SIND, UMSO VOLLER SIND WIR VOR GOTT.

Deswegen brauchen wir keine Angst zu haben.

Aber während unserer von Dir gegebenen Lebenszeit sollen wir Dich loben, preisen und auch die anderen Wesen, die anderen Zellen, tierische und pflanzliche, pflegen, so gut wir können.

Zum Teil natürlich uns auch einverleiben, aber nur so weit, wie wir das für unser Leben brauchen.

Aber wir dürfen keine Zellen aus anderen Gründen vernichten oder töten.

Dann leben wir in Frieden miteinander und in Frieden mit Gott.

Wir sind Zellen Gottes und Gott erfüllt uns ganz.“

 

Die anderen Mitreisenden waren jetzt erst recht sprachlos und wußten eine ganze Zeitlang nicht, was sie entgegnen sollten.