Die alte Mauer

Auf einer alten Mauer,
wo ich vor Jahren saß,
sitz‘ ich auch heut‘ voll Schauer
neben verdorrtem Gras.

Die Farben längst verschwunden,
alles bleich, feucht und schwer,
Visionen leichter Stunden,
wo kommen sie nur her?

Die Lieder längst verhallten,
manch liebe Stimme auch,
aus dunklen Mauerspalten
dringt modrig-dumpfer Hauch.

Er steigt, die Erde fliehend,
denn seine Zeit ist knapp,
und fällt, als Nebel ziehend,
dann matt und leer herab.

Einzelne Blätter fallen,
verbraucht und welk und braun,
es ist das Los von allen,
ich wag‘ nicht hinzuschau‘n.

Wie viele mussten sühnen
ein Leben lang, voll Schmach,
und mancher ward beschienen
vom Glück – auch er zerbrach.

Ein kühler Wind erhebt sich,
und ich sitz‘ hier –allein.
Bitterkeit überfällt mich,
der Abend bricht herein.

Dort bei der alten Mauer,
wo er vor Jahren saß,
ja, sieh nur hin, genauer:
Über ihm wächst schon Gras.

 

Das Klassentreffen

Sie sahen sich nach vielen Jahren.
Freudig hatten sie erfahren,
dass die alte Klasse sich
treffen wollte.
Fürchterlich
eng war es in dem Lokal.
Leicht geschrumpft war ihre Zahl
-im Gegensatz zu manchem Bauch.
Die alte Lehrerin kam auch.

Sie tranken Bier, sie tranken Wein,
es klopfte: Stimmung kam herein
und sprach: „Ich bitte, seid nicht gram,
ich fand den Weg nicht“-
wundersam
bestaunte man die traute Runde
und vernahm die frohe Kunde,
wenn gleich auch aus fremdem Munde
(und zu reichlich später Stunde),
dass man noch der kerngesunde
alte Kerl von früher sei.

Nach Hause ging man um halb zwei.

Der Stier

Es war einmal ein junger Stier,
der stierte voller Liebesgier
auf eine schöne, bunte Kuh.
Sie blinzelte ihm freundlich zu,
so dachte er in seinem Wahn,
bis er sich umgewandt und dann
den großen, alten Bullen sah,
gleich hinter sich, gefährlich nah.
Es war der Mann der schönen Kuh,
-der junge Stier verschwand im Nu.

Unterschiede

Einst nannte er sie „lieber Schatz“,
„mein süßer Fratz“ und „kleiner Spatz“,
doch machte mancher liebe Satz
schon bald ganz andren Worten Platz:

Erst blieb es noch beim lauten „Du“,
dann kam spezielleres hinzu:
„Hau ab“, „halts Maul“, „lass mich in Ruh“,
und schließlich: „Dusselige Kuh“.

Wie anders war es umgekehrt!
Sie hatte immer ihn verehrt,
sprach ihn mit „mein Gebieter“ an,
-und ab und zu als “Hampelmann“.

 

Das Kalenderblatt

Hermann Kurz war ein gewissenhafter und zuverlässiger Verwaltungsbeamter. Pünktlich fünf Minuten vor Dienstbeginn saß er morgens bereits an seinem Schreibtisch. Innerhalb seiner 35-jährigen Dienstzeit war er infolge Unpünktlichkeit seines Zuges zweimal verspätet gekommen, einmal um acht Minuten und einmal – für Amtsobersekretär Kurz ein wirklich schwarzer Tag – gar um 23 Minuten.

Krank war er nie gewesen, wenn man von jenem Nachmittag vor neun Jahren am 16. April absieht, als er früher nach Hause fuhr bzw. gefahren wurde. Damals hatten ihm, der nie mehr trank als eine kleine Flasche Bier zum Abendessen sowie zwei kleine Gläser Bier, freitags um 16.10 Uhr nach Dienstschluss in der Kneipe um die Ecke, einige Kollegen Schnaps in das zweite Glas Bier geschüttet, anlässlich der 40-jährigen Jubiläumsfeier seines Vorgesetzten. Diese hämische, um 12.27 Uhr begangene Untat hatte sein auf genaueste Registrierung eingestelltes Gehirn umnebelt, so dass er, trotz eines deutlich zu verspürenden Gefühls ungewohnter Leichtigkeit, in der Gewissheit, freitags zwei Glas Bier problemlos vertragen zu können, auch noch nach dem dritten Glas griff. Diesem war aber noch mehr Schnaps beigemischt als dem zweiten.

Somit nahm das Verhängnis seinen Lauf. Kurz war niemals danach mehr in der Lage, den weiteren Gang der Ereignisse an jenem Nachmittag genau zu erfassen und wiederzugeben. Wie er aus nachträglichen Andeutungen der Kollegen ihm gegenüber und deren Bemerkungen untereinander später rekonstruieren konnte, musste er sich bereits gegen 12.45 Uhr auf eine heiße Diskussion mit seinem Vorgesetzten eingelassen haben, die dazu führte, dass er jenen einen „ausgemachten Lumpen“ und „Leuteschinder“ hieß. Allen Versuchen seiner ihm wohlwollenden Kollegen, ihn zurückzuhalten, zum Trotz, musste er sich gegen 12.50 Uhr sogar dazu verstiegen haben, zu behaupten, die Arbeit seines Chefs bestünde vornehmlich aus Essen, Zeitung lesen, dem Griff unter den Rock der Sekretärin und dem Gang zur Toilette, was er selbst genau so gut, wenn nicht sogar besser könnte, wenn er denn wollte. Den ihm gegenüber vorgebrachten Einwand des Angegriffenen: „Sie sind ja besoffen und wissen gar nicht mehr, was sie sagen“, hatte er offenbar mit der Bemerkung weggefegt: „Nach dem, was sie so sagen, könnte man meinen, sie seien immer besoffen.“

Über die Androhung dienstrechtlicher Maßnahmen musste er ebenso gelacht haben wie über das darauffolgende laute Geräusch, das etwa aus seiner Körpermitte im hinteren Teil entsprang und ziemlich genau in Richtung seines Chefs tendierte, was aus der Tatsache seiner dabei vorgebeugten Körperhaltung sogar als zielgerichtet bezeichnet wurde.

Die weiteren Ereignisse mussten sich dann überschlagen haben und endeten nach dem, was später zu erfahren war, damit, dass Amtsobersekretär Kurz sich auf den Schreibtisch seines Chefs, in dessen geheiligtem Dienstraum die Feier stattfand, erbrach, nachdem er dessen überdimensional große Kaffeetasse, die darauf gestanden hatte, zuvor in einem unbewachten Augenblick in einer Ecke des Zimmers mit einigen Überbleibseln des Bieres und des Schnapses, die durch ihn hindurchgegangen waren, bis an den Rand gefüllt hatte. Das dabei entstandene Geräusch musste infolge der plötzlich eingetretenen Stille im Raum kristallklar plätschernd zu vernehmen gewesen sein.

Wie später zu erfahren war, verlud man den sich heftig wehrenden Kurz dann in einen ienstwagen, auf dessen Rücksitz er umgehend einschlief. Die Ehefrau nahm ihren röchelnden und im Gesicht blau angelaufenen Hermann in Empfang und steckte ihn schluchzend ins Bett. Über die weiteren Geschehnisse in der ehelichen Wohnung deckt der Verfasser den Mantel des Schweigens.

Soweit zu jenem nicht denkwürdigen Nachmittag vor neun Jahren. Er musste hier lediglich deshalb erwähnt werden, weil er auf die nachfolgende Beförderung von Kurz, diDe nie stattfand, maßgeblichen Einfluss hatte. Amtsintern wurde die Sache wegen des Skandals, den eine Offenbarung verursacht hätte, vertuscht.

In den folgenden Monaten und Jahren ging Amtsobersekretär Kurz weiterhin seiner anstrengenden Verwaltungstätigkeit nach, überprüfte kleinere Additionen, übertrug sie von einem Formular auf ein anderes und legte jeweils dienstags um 09.00 Uhr das Ergebnis seiner wöchentlichen Tätigkeit seinem Vorgesetzten vor, der die ausgefüllten Formulare prüfte und sie dann an die übergeordnete Dienstelle weiterleitete.

Dies alle geschah ohne weitere besondere Vorkommnisse bis zu jenem denkwürdigen Tage, der ein Dienstag war. Es begann damit, dass Kurz, nachdem er begonnen hatte, seine Bleistifte zu spitzen und zu ordnen, in seinem Büro von seiner Ehefrau angerufen wurde. Etwas aufgeregt und um Verzeihung bittend teilte sie ihm mit, dass sie sein Frühstückbrot heute anstatt mit seinem geliebten Schinken, wie dienstags üblich, mit Salami belegt hätte. Schlagartig wurde ihm klar, dass er hier vor einer neuen Situation stand, wie sie noch nie dagewesen war. Solange er zurückdenken konnte, hatte er dienstags stets Schinken und noch nie Salami auf dem Frühstücksbrot gehabt. So geriet er unversehens in ein lang anhaltendes Grübeln. Einerseits wäre er ja gerne bereit gewesen, seiner Frau, die er sehr liebte, wie er meinte, wie es sich gehört, zu verzeihen, andererseits war aber hier das für ihn höchste Prinzip der Ordnung und der Regelmäßigkeit verletzt worden. Gewiss, auch er hatte in seinem Leben zwei oder drei Fehler begangen, aber dafür auch stets bitter bezahlen müssen. So hätte er heute ohne weiteres Amtsinspektor oder gar Oberinspektor sein können, wenn er nicht an jenem schwarzen Nachmittag durch die Heimtücke seiner Kollegen…doch lassen wir das, wir kennen ja mittlerweile die Geschichte.

Indem Kurz nun hin und her überlegte, welche Gründe seine Frau bewogen hatten, das Frühstücksbrot heute in derart fehlerhafter Weise zu belegen, ob er sich als Ehemann irgendwelche Unregelmäßigkeiten zuschulden hatte kommen lassen, ob sie, wie seine Mutter immer gesagt hatte, doch nicht die richtige Frau für ihn wäre, ob sie sich einfach nur einer Gedankenlosigkeit schuldig gemacht hatte oder ob es sich hier um einen hinzunehmenden Schicksalsschlag handelte, vergaß er seinerseits, das Kalenderblatt abzureißen. Exakt um 08.15 Uhr, nach dem Spitzen der Bleistifte, dem sogfältigen Hinlegen des Stapels mit Formularen, dem Absetzen der Fern- und Aufsetzen der Lesebrille und dem Zurechtrücken des Schreibtischsessels hätte er dies tun müssen.

Inzwischen war es 08.20 Uhr geworden, und das Kalenderblatt vom gestrigen Tage prangte noch immer im Raum, den Montag verkündend. In diesem Moment wurde Kurz durch das ihm im tiefsten Inneren innewohnende Gefühl des Pflichtbewusstseins, des Verantwortungsgefühls und der Disziplin in die Realität zurückgerufen. Er verspürte einen innerlichen Ruck, der ihn von den nicht mit seinem Dienst zu vereinbarenden Gedanken an seine Frau befreite, nahm sich vor, die Angelegenheit mit dem vergessenen Schinken und der falschen Salami heute Abend zu klären, koste es, was es wolle und ergriff den gespitzten Bleistift. Ein Blick auf die Uhr überzeugte ihn, dass höchste Eile geboten war. Er befand sich mit dreieinhalb Additionen im Rückstand. Ein weiterer Blick auf den Kalender, der um diese Zeit bereits abgerissen sein musste, bestätigte den Montag. Morgen musste er ja seinem Chef erst die Formulare geben.

Um 10.03 Uhr läutete das Telefon auf Kurzens Schreibtisch. Sein Chef war am anderen Ende. Er vermisste die Formularmappe.

Die weiteren Ereignisse überschlugen sich:

Amtsobersekretär Kurz schaute auf seine Uhr. Der Vorgesetzte war immer noch am Apparat. Kurz schaute auf den Kalender und stammelte in den Hörer: „Aber…es ist doch erst Montag“, was der Vorgesetzte energisch zurückwies, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er wohl kraft seines Amtes zu besserer Beurteilung des Wochentages als seine subalternen Mitarbeiter in der Lage sei. In diesem Zusammenhang spielte es keine Rolle, dass es sich hier nicht mehr um denselben Vorgesetzten handelte, den Kurz vor neun Jahren unsäglich beleidigt hatte. Immerhin war aber auch dem neuen Chef das seinerzeitige Fehlverhalten seines Mitarbeiters bekannt geworden.

Inzwischen war es 10.05 Uhr, Zeit für die Frühstückspause. Der Vorgesetzte war immer noch am Telefon. Ein weiterer Blick auf die Uhr erfasste die magische Zeigerstellung fünf-Minuten-nach-zehn, dies war die Frühstückszeit!
Die abgehackten Worte „aber…wieso…jetzt…Dienstag…10.05 Uhr…Frühstück“ entsprangen Kurzens Lippen, was den Chef zu einem Wutschrei und dem Aufknallen des Hörers veranlasste.

Im Kopf von Kurz begann sich alles zu drehen. Er sah die Uhr, blickte auf das Frühstücksbrot, den Bleistift und auf das Kalenderblatt.

War er gar kein Mensch, kein Beamter, konnte er nicht ein Jahrzehnt durchleben, ohne mehrfach zu entgleisen, hatte sein Leben überhaupt noch einen Sinn?

Aus Salami wurde Schinken, aus Montag Dienstag. Die Frau und der Chef vereinigten sich zu einer stummen Anklage. Plötzlich überkam ihn ein Gefühl der Schwerelosigkeit, und während Frühstück und Kalenderblatt verschmolzen, erhaschte Amtsobersekretär Kurz einen ersten Blick in die Ewigkeit, das Kontinuum von Raum, Zeit, Ordnung und Pflichtbewusstsein. Sanft glitt er hinüber, erfüllt von einem allumfassenden Gefühl der Verzeihung, die ihm von einer übergeordneten Stelle zuteil wurde.

Als der Vorgesetzte um 10.07 Uhr wutentbrannt in das Büro von Kurz stürzte, fand er diesen vornübergebeugt auf dem Schreibtisch liegend, den gespitzten Bleistift in der einen und das Salamibrot in der anderen Hand. Der Kalender zeigte Montag.

Rückblick aus dem Altersheim

Früher war alles viel besser,
das Essen, das Leben, der Krieg.
Wie plätscherten klar die Gewässer,
und stolz kämpfte man für den Sieg.
Man floh noch des Schullehrers Rute
und träumte so froh in der Not;
die Schurken bekamen die Knute,
man ehrte, weil hungrig, das Brot.
Man achtete noch die Gesetze
und diente stets treu und loyal,
verschloss seine Ohren der Hetze
von links, wie’s der Führer befahl.
Und dann ging es hart an das Aufbau’n,
fest nahm man die Schippe zur Hand;
mit ihr könnte heute man draufhau’n,
sieht man das Gesindel im Land.
Im Kopf haben sie hohle Flausen,
sind rot oder grün nebenbei;
zu zwölft sie in Bruchbuden hausen,
sie stinken, sind dreckig und frei.
Und dann erst die ganzen Kanaken,
der farbige Abschaum im Land,
man sollte am Kragen sie packen,
dann stellen wir sie an die Wand.
Wenn Krieg kommt, so muss es ihn geben,
wir werden ihn schon übersteh’n;
die Kinder, falls sie es erleben,
sie werden nach hinten dann seh’n;
denn:
Früher war alles viel besser,
das Essen das Leben, der Krieg.
Wie plätscherten klar die Gewässer,
und stolz kämpfte man für den Sieg.

Armageddon

Auf den Bergen brennt der Schnee,
und die Erde bebt.
Die Luft erglüht, ein Feuer rast,
wohl dem, der nie gelebt.
Ein Gifthauch aus den Wolken fällt,
und gelb verdorrt das Gras.
Das Ende allen Seins ist nah,
von dem man einstmals las.
Aus Abrahams und Jakobs Stamm
erlebt es keiner mehr.
Die Welt ist tot, die Zeit vorbei,
es bleibt ein Flammenmeer.

Da stürmt die Ordnungsmacht herbei
und kühlt den heißen Stein.
Es jauchzt und singt ein Engelschor
zu einem neuen Sein.

Das Feuer

Es war die Hölle am 23. Mai in Pfarrkirchen am Flüchtlingshaus. Nachdem sich zwei dunkle Gestalten eilends entfernt hatten, kam um 03.45 Uhr eine Flamme auf das Haus zu, die sich an der hölzernen Haustür in wenigen Sekunden zur Feuerwalze entwickelte. Die Flammen fraßen sich in großer Geschwindigkeit durchs ganze Gebäude. Schnell stand das Treppenhaus lichterloh im Feuer, so dass niemand das Haus verlassen konnte. Bereits nach 10 Minuten war die Feuerwehr da. Die Feuerwehrleute begannen, mit der Drehleiter und dem Rettungskorb die Menschen zu retten. Einige der Hausbewohner, vor allem junge, kräftige Männer, sprangen aus den Fenstern. Auch Rudi war einer der Feuerwehrmänner. Er konnte zwar die Menschen, die hier lebten, nicht leiden. Aber löschen und retten, dafür ließ er alles stehen. Sogar das Bier. Aber heute Nacht hatte er gar kein Bier getrunken. In weniger als 15 Minuten hatten alle Bewohner das Haus verlassen. Es waren hauptsächlich junge Männer, aber auch zwei Familien. Die letzte war eine fast bewusstlose junge Frau, die wohl eine Rauchvergiftung erlitten hatte, aber trotzdem bei ihrer Rettung wild um sich schlug. Bei der Brandlöschung war nichts mehr zu retten. Das Haus, das teilweise aus Fachwerk bestand, war fast völlig ausgebrannt. Erst später fanden die Retter in den Trümmern die verkohlte Leiche eines fünfjährigen Jungen.
*
Es war ein warmer Maiabend. Franz S. traf sich mit seinen drei Freunden im Biergarten in Eggenfelden. Sie tranken viel, redeten über den FC Bayern, die Formel 1 und dann politisierten sie. Nach der dritten Halben kam das Thema auf die Flüchtlinge in Bayern. Sie stellten gemeinsam fest, dass diese die Heimat zerstörten. Sie kamen über das Mittelmeer oder den Balkan, die Merkel hatte sie hereingelassen. Und jetzt lungerten sie hier herum, waren keine Christen, und immer wollten sie die bayerischen Mädchen ficken.
Sie wurden von den Steuergeldern finanziert, hatten ihre Pässe angeblich verloren und stellten Asylanträge. Nicht einmal Bier durften sie trinken, weil Allah es verboten hatte. Aber bei der Frühlingsdult neulich, da waren sie frech geworden. Rudi war dabei gewesen. Da hatte es das Flüchtlingspack übertrieben, es waren drei, halbschwarz oder braun, jedenfalls nicht europäisch. Sie hatten bayerische Mädels angequatscht. Rudi und seine Freunde hatten das gesehen und den jungen Männern die rote Karte gezeigt. Sie stießen sie und schubsten sie aus dem Zelt. Die schrien irgendetwas, Deutsch war es jedenfalls nicht und schon gar nicht Bayerisch. Es klang wie „Mädels für alle da.“ Jedenfalls war es eine Frechheit. Sie wollten sich wehren, aber das bekam ihnen schlecht. Rudi und seine Spezis zeigten ihnen, wo der Bartel den Most holt. Einer von denen zog ein Messer, da ging es voll zur Sache. Der Messerträger blieb liegen, sie alle traten auf ihn ein, aber da rief jemand „Polizei“, und sie hauten ab.
„Schade, dass ich nicht dabei war“, sagte Michael. „Solche Säue“, ergänzte Klaus. „Ins Krankenhaus haben sie ihn gebracht. Bestens versorgt. Den Asylantrag haben sie abgelehnt. Wegen dem Messer. Hat aber nix genutzt. Abgeschoben wird er nicht. Er haust wohl immer noch im Heim.“
Sie tranken noch eine Halbe. „Prost“, sagte Franz. „Wir sollten das ganze Pack verbrennen.“
Die anderen waren still und glotzten in ihr Bier. „Ja, das wär‘ eine Gaudi“, sagte Klaus endlich zu Rudi. „Deine Spezis von der Feuerwehr hätten wieder mal was zum Löschen.“ „Das große Flüchtlingsheim ist in Pfarrkirchen. Da haust das ganze Volk“, sagte Michael. „Einen Kanister Benzin und ein Streichholz, mehr braucht es nicht“, „wir müssen nur warten, bis es dunkel ist.“ „Man darf sich nur nicht erwischen lassen“, sagte Rudi. Die anderen stimmten ihm zu. Franz und Klaus sahen sich an und nickten sich leise zu.
*
Der Brand in der Flüchtlingsunterkunft füllte tagelang die Nachrichten. Nicht nur in Niederbayern, sondern in ganz Deutschland. Viele Menschen sagten, es sei erschütternd. Das tote Kind habe doch niemandem etwas getan. Manche aber sagten nichts. Die Polizei hatte eine Sonderkommission von 30 Beamtinnen und Beamten gebildet. Sie suchten den oder die Täter und führten im ganzen Rottal und darüber hinaus Hausbefragungen durch. Nach und nach verdichteten sich die Hinweise auf einen jungen Kranfahrer namens Rudi Z. Es gab zwar keine konkreten Spuren, die ihn belasteten, aber es gab immer wieder Zeugenaussagen. Einige hatten ihn bei dem Vorfall an der Frühlingsdult gesehen. Als sie den jungen, mit einem Messer bewaffneten Asylbewerber niedermachten. Und er hatte kein Alibi. Rudi hatte viele Freunde, aber sie hatten alle Alibis. Von den Müttern, den Ehefrauen, den Spezis, den Freundinnen. Alle waren in Gesellschaft, meist im häuslichen oder ehelichen Schlafgemach, gewesen, als der große Brand ausbrach. Franz S. war nicht im ehelichen Schlafzimmer gewesen, aber seine Frau, die Moni, schämte sich.
Und so kam es, dass Rudi in Haft genommen wurde. Und er wurde auch verurteilt. Wegen Brandstiftung und fahrlässiger Tötung bekam er am 28. Oktober neun Jahre Freiheitsstrafe. Obwohl er immer wieder seine Unschuld beteuerte. Aber ein Schuldiger musste gefunden werden. Die Menschen brauchten einen Schuldigen. Für ihr Gemeinschaftsgewissen. Sein Anwalt ging in Berufung. Aber das nutzte Rudi nichts.
*
Sobald es die Justiz erlaubte, bekam Rudi Besuch im Knast. Seine Mutter und seine Schwester kamen. Und auch seine Freunde. Rudi war verzweifelt. Als Franz S., Klaus und Michael kamen, schrie er sie an: „Vielleicht war es einer von euch. Ihr seid mir schöne Spezis. Einer muss es ja gewesen sein. Ich war es bestimmt nicht.“ Die Freunde sahen sich an und zuckten mit den Schultern. Michael sagte nichts. Franz war ebenfalls still. Klaus sagte: „Du siehst doch, es war niemand von uns.“ „Woher willst du das wissen?“ fragte Rudi. „Ich war es jedenfalls nicht“, sagte Klaus. „Warst Du es, Franz oder du, Michael?“ Beide schüttelten den Kopf. „Aber wir haben doch davon gesprochen“, sagte Rudi. „Davon sprechen und es tun ist zweierlei“, sagte Klaus. „Vielleicht war es irgendjemand. Ist ja auch egal.“ „Egal?“ schrie Rudi, völlig verzweifelt. „Haut doch alle ab, ich sitze hier unschuldig für irgendjemanden.“ „Ich bin doch Feuerwehrmann, will retten und niemals Kinder umbringen.“ Die anderen zuckten mit den Schultern. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen.
*
Das Auto von Franz hatte einen Platten. Es war dunkel. Er wollte von Pocking nach Fürstenzell fahren und nahm einen Weg mitten durch die Pampa. Durch die Felder und an der Rott entlang. Denn er hatte schon drei Halbe getrunken. Da wollte er keinen Bullen begegnen. Franz war verheiratet, Autoschlosser und hatte zwei Kinder. Die Moni, seine Frau, schimpfte meist mit ihm. Seit der Geburt von der kleinen Anna wollte sie nicht mehr mit ihm ficken. Ganz selten jedenfalls. Sie sagte, er sei egoistisch, treibe sich nur mit seinen Spezis herum und trinke zu viel Bier. Da hatte er auf dem Haslinger Hof die Julia getroffen. Die war auch verheiratet, aber ihr Mann fuhr immer auf Montage zu den Saudis. Er baute Kraftwerke und verdiente ganz viel Kohle. Aber seine Frau ließ er alleine. Zu der Julia wollte er jetzt wieder fahren. Sie war zu Hause, wartete auf ihn und war schon ganz heiß auf den Franz. Das hatte sie ihm jedenfalls gerade auf WhatsApp geschrieben.
Franz arbeitete nicht so weit weg. Er hatte seinen Job in Dingolfing. Und das schon seit vielen Jahren. Da war ein Mitarbeiterrabatt von 20 % keine Seltenheit. Aber darüber musste er schweigen. Auch gegenüber den Freunden. Franz näherte sich mit seinem schwarzen, getunten 3er-BMW dem unbeschrankten Bahnübergang der Strecke Passau – Mühlbach. Es war November, stockdunkel und es regnete. Von der Bahn war nichts zu sehen und auch nichts zu hören. Die Bahn pfiff an dieser Stelle immer zweimal, bevor sie an den Übergang kam.
Schemenhaft tauchte vorne am Bahnübergang eine Mutter mit einem Kinderwagen und einem Kind an der Hand auf. Das Kind winkte. Winkte es ihm zu? Die Mutter mit dem Kinderwagen und das Kind, das sich jetzt von der mütterlichen Hand gelöst hatte, liefen mitten auf der Straße. „Verdammt, sie sollten da weggehen“, zuckte es durch das Hirn von Franz. „Wollen sie, dass ich sie überfahre?“ Er blendete auf. Aber sie gingen nicht weg. Einige Meter vor ihnen bremste er. Die Mutter hatte ein Kopftuch auf und war ganz weiß gekleidet. „Scheiß-Muslime“, brummelte Franz. Er zwängte seinen untersetzten Körper aus dem Auto. „Haut da ab“, schrie er und gestikulierte in ihre Richtung. Das Kind winkte wieder, und Mutter und Kind liefen vor ihm her. Sie liefen rückwärts. Im Scheinwerferlicht näherte er sich ihnen. Er hatte das Gefühl, nach vorne gezogen zu werden. Da hörte er ein gellendes Pfeifen. „Scheiße, der Zug kommt“, schrie er. „Geht da weg, ihr werdet überfahren.“ Er wollte nach den beiden greifen, aber sie waren verschwunden. Trotz sofortiger Vollbremsung durch den Lokführer wurde er zwischen den beiden Bahnwaggons eingequetscht und noch etliche Meter mitgeschleift. Er war auf der Stelle tot.
*
Klaus M. ließ das alles keine Ruhe. Rudi saß im Knast, und Franz war tödlich verunglückt. Klaus traf sich mit Michael in einem der ehemaligen Stammlokale der vier Freunde. „Warum ist Franz nur so blöd verunglückt?“ fragte er. „Aus dem Auto ausgestiegen und direkt in den Zug gelaufen.“ „Ich weiß nicht“, sagte Michael und bestellte noch zwei Bier. „Vielleicht ist ihm zu viel durch den Kopf gegangen. Der Rudi als Brandstifter im Knast, obwohl er behauptet, er sei es nicht gewesen. Das Scheißfeuer, der arme Bub, der dabei umgekommen ist. Er war zwar nur ein Flüchtlingsbub, aber das hat ja niemand gewollt. Sie sollen alle zu Hause bleiben, aber wir wollen sie doch nicht umbringen. Dann wären wir ja wie die Nazis. Aber wir alle haben alle vier damals so blöd dahergeredet, bevor das dann passiert ist. Wir können ja nichts dafür, aber vielleicht hat Franz sich einfach wegen dieses Daherredens irgendwie mitschuldig gefühlt. Scheißflüchtlinge. Ohne die würde Franz jedenfalls noch leben.“ Klaus trank sein Bier nicht mehr aus und verabschiedete sich schnell.
Klaus schrieb einen Abschiedsbrief, in dem er alles aus seiner Sicht erklärte, und im Februar hängte er sich im Dachgeschoss seines Elternhauses auf. Von Reue war allerdings keine Spur. Er wollte nur alles für seine verbliebenen zwei Spezis klären.
Rudi wurde sofort danach entlassen.