Nützlich/schädlich – über die Gefahr von Vorurteilen

Provozierende Gedanken eines deutschstämmigen, demokratisch aufgewachsenen Menschen, der sich Fragen stellt, teilweise beängstigende Sachen hört und immer noch zu wenig weiß, um „feste“ Überzeugungen zu haben

Als ich ein Kind war, erklärten mir die Großeltern die Welt. Wir lebten auf dem Land, hatten eine kleine Nebenerwerbsgärtnerei.

Die Großeltern erklärten mir:

Spinnen sind nützlich; denn sie fressen Insekten.
Insekten sind schädlich; denn sie ärgern uns nur.
Nur Bienen sind nützlich; denn sie bestäuben und machen Honig.
Ameisen sind nützlich; denn sie machen alles sauber.
Kommen sie allerdings in großen Mengen, sind sie schädlich.
Schnecken sind schädlich; denn sie fressen den Salat.
Die Franzosen essen sie aber gerne. Mit Knoblauchbutter und Petersilie.
Mäuse fressen alles auf, das Mehl, sämtliche Vorräte, sogar Zigarettentabak. Sie sind schädlich.
Katzen sind gut, weil sie die Mäuse fressen, manchmal auch die Ratten.
Hunde sind gut, weil sie den Menschen helfen. Manche beißen aber den eigenen Herren oder dessen Kinder. Dann sind sie schädlich.
Alle Raubtiere sind böse; denn sie können den Menschen schaden.

Allmählich begriff ich:

Es dreht sich alles um UNS Menschen:
Was für UNS Menschen gut ist, ist nützlich. Alles andere ist schädlich.

Doch wie steht es um die Menschen insgesamt? Ist alles, was für UNS Menschen gut ist, auch für die anderen Menschen gut?

Sind die Menschen gleich? Was sind WIR Menschen, und was sind die ANDEREN Menschen? Gibt es da Unterschiede?

Heute hören wir bisweilen:

Moslems sind schädlich; denn sie wollen die Nichtmoslems töten, mit Feuer und Schwert.
Aber nicht alle sind so, manche sind friedlich.
Christen sind gut, aber wer ist schon christlich?
Früher waren Christen auch schädlich. Aber immerhin waren sie Christen und keine Heiden.
Die Heiden waren böse.
Die Germanen waren auch Heiden. Aber sie sind unsere Ahnen. Deshalb waren sie gut.
Weiße sind gut. Aber nicht alle. Es gibt auch böse und schädliche Weiße.
Schwarze sind schädlich. Viele jedenfalls. Sie vermehren sich wie die Karnickel. Ohne Rücksicht auf die Welt.
Nordafrikaner sind ganz schlimm.
Vor allem Männer. Sie töten und vergewaltigen.
Außer besondere Schwarze.
Obama und Mandela waren gut, jedenfalls nicht so schlimm.
Eritreer sind ganz schlimm. Sie stänkern nur herum und sind gewalttätig in den Unterkünften.
Gelbe sind schädlich. Sie wollen die Welt erobern. Die Gelbe Gefahr droht.
Indianer sind egal. Sie sind machtlos.
Wie die Aborigines oder die Maori.
Kopten sind gut.
Die Eskimos, sie heißen ja heute Inuit, fressen die Wale, die armen Wale. Aber die Norweger und Japaner fangen sie auch. Zu Forschungszwecken, so sagen sie.
Juden waren früher schädlich, heute sind sie mal so, mal so. Aber im Weltkapitalismus sind sie immer noch schädlich. Und sie klauen den Palästinensern das Wasser. Aber Deutsche dürfen da nicht meckern, weil die Eltern oder Großeltern Mörder waren.
Mischlinge sind schwierig.
Türken sind nicht integriert.
Kurden sind gefährdet durch die Türken. Türken wollen alles erobern.
Tibeter sind gefährdet. Durch die Chinesen.
Südafrikaner sind unberechenbar. Mal so, mal so.
Russen sind gefährlich. Wollen alles erobern. Sie wollen immer einen Zaren.
Die Iraner wollen einen Mullahstaat.
Die Afghanen sind alle talibangefährdet. Und verkaufen Rauschgift. Wie die Südamerikaner. Die sind auch nicht besser.
Albaner und Balkaner insgesamt sind ganz schlimm. Haben immer ein Messer dabei.
Die Griechen sind faul. Und die Italiener geben alles der Mafia. Nur die Südtiroler sind gut. Sie sind gläubig, sprechen Deutsch und schimpfen auf die Walschen.
Die Deutschen sind gut .Obwohl nicht alle gut sind. Es kommt darauf an, aber das führt jetzt zu weit. Viele Deutsche haben einen Migrationshintergrund. Manche kommen aus den Ostgebieten. Aber das zählt nicht. Sie sind deutschstämmig oder arisch, aber das darf man ja heute nicht mehr sagen.
Die Amis nennen die Weißen Kaukasier. Vielleicht wäre das besser. Aber eigentlich ist es Russisch. Oder nicht?
Polen klauen, Tschechen auch.
Ukrainer sind rechtsradikal und korrupt.
Franzosen sind Gelbhemden und wollen immer Revolution.
Engländer sind Rosinenpicker.
Buddhisten sind friedlich, aber die Rohingyas haben sie verjagt und getötet. So friedlich sind sie.
Reichsbürger haben teilweise kluge Gedanken. Obwohl es kein Reich mehr gibt.

Und so weiter, und so fort. Wer ist nützlich, wer ist schädlich?

Manche Naturschützer sagen:
Rehe müssen bejagt werden; denn sie schaden dem Wald. Wir müssen den Wald retten. Andere sagen: Wir brauchen nicht so viele Wälder. Freiflächen sind besser für gefährdete Tierarten.
Aber der Wald ist ein Wirtschaftsfaktor.

Die Jäger und Fischer sind böse; denn sie wollen viel Viehzeug im Wald und im Wasser haben, füttern es teilweise und setzen es ein, damit sie es dann abknallen oder fangen können. Und in den Jagdgesetzen werden Tiere erwähnt, die hier schon ausgestorben sind. Aber sie sind offenbar trotzdem immer noch schädlich. Aber Jäger und Fischer wollen die Natur retten.
So wie die Bauern und die Chemieindustrie?
Alles Schädliche weg, damit es mehr Nahrung und Profit gibt. Damit WIR und die Menschheit überleben können.
So arbeiten alle Hand in Hand und machen Kompromisse.
Die Vögel und Insekten verschwinden derweil.
Aber niemand ist schuld. Alle geben sich große Mühe.

Welche Menschen sollten bejagt werden? Oder wäre das jetzt zu viel?

Wir müssen darüber nachdenken. Oder nicht?
Die Atomwaffenausstiegsprogramme verschwinden.

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Der unbekannte Ort

Zwei Menschen fahr’n ein großes Stück,
wollen die Welt verstehen.
Nach Jahren kommen sie zurück
und haben viel gesehen.

Sie zeigen ihre Fotos her,
doch niemand will sie schauen.
Auch ihr Buch ist viel zu schwer,
nicht einfach zu verdauen.

So fahren sie denn wieder fort,
hören auf zu fluchen;
finden den unbekannten Ort,
den viele ewig suchen.

Wanderergespräch Nr. 4

„Oh, dort oben fliegt ein Silberreiher.“
„Nein, der sieht eher aus wie ein Fischreiher“.
„Er ist aber ganz weiß. Der Graureiher, auch Fischreiher genannt, ist ja viel dunkler, grau eben.“
„Es ist definitiv ein Fischreiher.“
„Aber warum ist er dann weiß?“
„Na ja, ganz weiß schaut er nicht aus. Neulich habe ich hier einen Goliathreiher gesehen.“
„Wirklich? Einen Goliathreiher?“
„Ha, natürlich. Er ist sehr groß. Deshalb heißt er ja Goliathreiher.“
„Aber den gibt es doch hier gar nicht.“
„Warum nicht? Er kommt halt nicht so häufig vor. Man muss halt Glück haben, wenn man ihn sehen will. Ganz früh aufstehen zum Beispiel.“
„Aber den gibt es fast ausschließlich in Afrika. Hier hat man ihn noch nie gesehen.“
„Papperlapapp. Ich weiß doch, was ich gesehen habe. Er war jedenfalls riesig.“
„Darf ich mich mal kurz einmischen? Ich habe zugehört. Reiher sind wirklich schöne Vögel. Aber noch viel schöner und seltener ist die Bergamsel.“
„Ach so, noch nie gehört.“
„Die Bergamsel kommt in den Bergen vor, wie der Name sagt. Aber wenn man sich auskennt, sieht man sie auch hier.“
„Wie sieht sie denn aus?“
„Na ja, wie eine Amsel. Nur etwas kleiner und schlanker.“
„Vielleicht war es ja ein Star.“
„Ich werde doch wohl noch einen Star von einer Amsel unterscheiden können.“
„Ach so, und wie?“
„Der Star ist glänzend und die Amsel mattschwarz.“
„Aber nur beim Männchen.“
„Wissen Sie, dass es über 170 Arten von Drosseln gibt? Und die Amseln gehören dazu.“
„Was? Drosseln? Das wäre ja noch schöner. Drosseln sind doch keine Amseln.“
„Zum Teil doch. Es gibt aber auch andere Drosseln. Sie gehören im Übrigen zu den Sperlingsvögeln.“
„Jetzt wird der Hund in der Pfanne verrückt. Sie bringen ja alles durcheinander.“
„Das tut mir leid. Ich habe es halt gelesen und erklärt bekommen.“
„Sie lesen?“
„Ja. Leider.“
„Dort oben sehen wir den Watzmann. Und den Braunkogel daneben.“
„Von hier? Neben dem Watzmann ist doch der Hochkalter. Der Braunkogel ist 50 km südwestlich vom Watzmann, zwischen Kitzbühel und Großglockner. Von hier können wir nur die Salzburger Alpen sehen. Und etwas weiter links daneben, den Dachstein.“
„Ich weiß doch, was ich sehe. Ich war viele Jahrzehnte im Alpenverein. Dort ist der Watzmann, und daneben sind seine Kinder. Und daneben ist der Braunkogel.“
„Lassen wir es gut sein. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Das liebe Gedicht

Heute schreibe ich ein liebes Gedicht:
Weihnachten kommt, das himmlische Licht.
Alle haben sich jetzt ganz lieb,
selbst den Betrüger und den Dieb.
Verzeihen ist nun up to date,
lieber schneller als zu spät.
Wir nehmen alle in den Arm,
das tut so gut und hält ganz warm.
Alle sind wir Brüder, Schwestern.
Feindschaft ist vorbei seit gestern.
Und wenn alles so schön bliebe,
dann gäbe es die Menschenliebe.

Die Schuld

Bei Kain und Abel war die Schuld nicht schwer,
der Brudermord, der gibt nicht so viel her.
Die Heiden töteten das große Heer,
oder umgekehrt, das interessiert nicht sehr.

Heute ist es wunderbar,
das Geld regiert und wir sind immer da.
Religion ist weg, wir leben für das Geld
und für die Macht, ihr gehört die Welt.

Doch in nicht ganz vielen Jahren
werden wir es sehr erfahren,
dass die Menschheit dieser Zeit
nicht genügt der Ewigkeit.

Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmarkt hat angefangen.
Groß ist das Menschenverlangen
zu erhaschen eine Mahnung
von wem, von was, ach, keine Ahnung.
Alles strömet zu der Tanne,
schön ist es für Frau und Manne.
Es gibt Glühwein, Bratwurst, Waffeln,
alle saufen, fressen, gaffeln.
Wie schön ist doch die Weihnachtszeit,
unser Tod, der ist noch weit.
Bis dahin lassen wir es schmecken,
erst gut leben, dann verrecken.