Der Bootslenker antwortet:

Der Bootslenker antwortet:

„Vielen Dank. Ich glaube, da sind wir bei einem Hauptproblem angelangt. Das, was wir als ‚klar‘ und ‚logisch‘ oder gar ‚richtig‘ ansehen, ist und war offenbar bei den verschiedensten Menschen ganz unterschiedlich.

Schon seit Aristoteles oder sogar noch länger plagt sich die Menschheit mit diesem Problem herum. Logisches Denken soll z.B. ‚folgerichtiges‘ Denken sein.

Aber was wir unter der ‚Folgerichtigkeit‘ des Denkens zu verstehen haben, ist bereits aus der Sicht vieler Menschen durchaus interpretationsfähig. Denn welches Denken ist schon ‚folgerichtig‘? Was ist überhaupt ‚richtig‘ und was ‚nicht richtig‘ oder gar ‚falsch‘? ‚Richtig‘ ist ja ‚fehlerfrei‘ oder ‚den Regeln entsprechend‘.

Wer legt die Regeln fest?

Nur um einige zu nennen: Waren es Demokrit, Platon, Aristoteles, Laotse, Konfuzius, Augustinus, Paulus, Thomas von Aquin, Cusanus, Descartes, Spinoza, Kant, Voltaire, Hegel, Nietzsche, Feuerbach, Mao, Russell oder die modernen Naturwissenschaftler, die in den verschiedensten Lehrstühlen Dutzende von ‚Logikarten‘ zu erklären und zu analysieren versuchen? Es gibt heute Lehrstühle für ‚Logik und Sprachphilosophie‘, für ‚Logik und Wissenschaftstheorie‘, für ‚Logik in der Informatik‘ usw. Man kann damit also sein Leben verbringen und seinen Lebensunterhalt verdienen.

Wir maßen uns in unserer sogenannten ‚christlich-abendländlischen‘ Kultur an, erklären zu können, was ‚folgerichtiges‘ Denken bedeutet. Aber bereits im 6. oder 7. Jahrhundert vor dem Beginn ‚unserer Zeitrechnung‘ schrieb Laotse:

‚Das, was eins ist, ist eins. Das, was nicht eins ist, ist auch eins‘.

Das nennt man übrigens ‚paradoxe Logik‘. Wirft alles über den Haufen, woran unsere Wissenschaftler glauben.

Und wenn man Meister Eckhart liest, sofern man Dokumente von ihm noch uninterpretiert erhält, kommt man von allen ‚logischen‘ Gedanken sehr schnell weg.

Ich bin fast überzeugt davon: Wenn wir auf unserer Bootsreise etwas finden wollen, was uns wirklich weiterführt, dann kann es nicht auf den altgewohnten Pfaden des menschlichen Denkens stattfinden. Aber deshalb sind wir ja von den Wegen ins Boot umgestiegen.“

 

 

Der zweite Mitreisende schaltet sich ein:

Der zweite Mitreisende schaltet sich ein:

„Wenn ich auch einmal etwas dazu sagen darf“, beginnt er, „dann ist alles, was Ihr bisher von Euch gegeben habt –  ich darf Euch doch duzen, hoffe ich – ein ziemliches ‚Rumgeeiere‘.

Ihr seid zum einen neugierig, und zum anderen habt ihr Angst. Und deshalb seid ihr auf dieses Boot gestiegen.

Andere, die nur im Diesseits leben, denen das Davor und Danach egal ist, die denken ‚nach mir und vor mir war das Nichts und wird wieder das Nichts sein, zumindest, was meine Person betrifft‘, würden ja wohl nicht mit in dieses Boot steigen, denke ich.

Oder vielleicht würden sie auch versuchen, die Suchenden auf diesem Boot zu bekehren und sich bemühen, ihnen klar zu machen, dass es nichts zu suchen gebe, also gewissermaßen ‚anti-missionarisch‘ wirken. Die Menschen sollten sich mit dem Leben im Diesseits zufrieden geben und daraus das Beste machen. Nicht ihre Zeit mit sinnloser Sucherei vertun.

Schließlich gebe es so viel Sinnvolles auf dieser Welt anzupacken, so viele Probleme der derzeit lebenden Menschheit seien zu lösen, dass für Religionen, Philosophie und ähnlichen weltverbesserischen Schnickschnack weder Zeit noch Raum sei. Und die Probleme der Zukunft können nur diejenigen lösen, die in der Zukunft leben. Wir können nur aus der Vergangenheit lernen und – gewissermaßen als Mittler zwischen der Vergangenheit und der Zukunft – mithelfen, die Weichen so zu stellen, dass der Zug der Menschheit zukünftig nicht völlig entgleist. Halb sei er ja schon aus der Spur gekommen.

Und genau daran seien die Religionen schuld. Die Philosophie habe auch nicht weiter geholfen. Lediglich die Erkenntnisse der Naturwissenschaften können weiterhelfen. Und eine ‚Ethik‘ müsse geschaffen werden, die für alle verbindlich sei.“

„Aber ich kann euch versichern“, fährt er fort, „ich will euch nicht bekehren. Ganz so sicher bin ich mir ja auch nicht. Nicht, dass ich wirklich Angst hätte – ob vor unserem Leben oder nach dem Tod unsere Person betreffend etwas war oder sein wird, werden wir ja früh genug erfahren.

Na ja“, bei diesen Worten kratzt er sich am Kopf, „wenn vor unserem Leben etwas gewesen wäre, dann müssten wir das doch eigentlich wissen. Oder hat uns jemand eine Amnäsie verordnet? Forscher haben herausgefunden, dass Säuglinge bereits bei der Geburt und auch schon im Embryonalstadium und sogar davor eine Menge an Genen mitbringen. Wie könnte es auch anders sein? Jedes Tier hat in der Natur seine Gene von den Vorfahren mitbekommen.

Aber was ist in unseren Genen enthalten? Und was lernt der Säugling vor der Geburt und danach erst dazu? Jedes Tier hat einige Instinkte schon von Anfang an mitbekommen, so scheint es, und andere Dinge muss es erst lernen. Und bei uns Menschen scheint es ähnlich zu sein, sagt die relativ neue Wissenschaft der Entwicklungspsychologie. Die Triebe, das ‚Es‘, um mit Freud zu sprechen, sind von Anfang an da. Babys suchen die Brust zum Saugen, schreien, wenn sie Hunger haben oder sich unwohl fühlen, aber das Erkennen der Mutter, das Sprechen oder das Laufen, kommt erst nach und nach.

Aber ist da noch etwas in den Genen? Etwas, was von anderer Art ist? Sind ‚Erfahrungen‘ der Vorfahren in den Genen gespeichert? Von ‚Archetypen‘ spricht C.G. Jung. Haben wir bereits Ängste in uns? Die Fähigkeit, uns gegenseitig zu töten oder zu lieben? Eine ‚Veranlagung‘ zum Mitleid oder zur Rache?

Haben wir gar schon einmal früher gelebt? Angeblich soll es einige Fälle geben, in denen Menschen plötzlich Dinge berichtet haben, die sich in früherer Zeit zugetragen haben und von denen sie nichts wissen konnten, zum Teil haben sie in fremden, alten Sprachen gesprochen, so wird berichtet.

Aber wissenschaftlich exakt bewiesen worden sind solche Dinge seltsamer weise in keinem Falle, soweit es mir bekannt ist. Genau so wenig wie UFO-Landungen.

Und das Vorhandensein einer ‚Seele‘, was immer das sein mag, ist auch noch nie wissenschaftlich bewiesen worden.

Meine Oma hat immer – frei nach Shakespeare – gesagt: ‚Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.‘

Oh weh“, sagt der zweite Mitreisende. „Ich wollte euch eigentlich ein paar ganz logische Dinge übermitteln, einige Dinge, die ich in mir fühle, und die in mir so klar vorhanden sind, dass sie eigentlich nur herauswollen. Sie schreien geradezu danach.

Aber jetzt fange ich genauso wie ihr an, ‚herumzueiern‘. Schande über mich. Ich habe lange nicht mehr so richtig diskutiert. Mir fehlt wohl die Übung. Es gibt ja leider nur wenige Menschen, mit denen man diskutieren kann, ohne sich von Besserwissern, Oberlehrern, fest überzeugten Atheisten oder ebenso fest überzeugten Gläubigen oder auch Esoterikern oder sonstigen spirituellen Menschen sagen lassen zu müssen, was richtig und was falsch ist. Ich wollte euch einfach nur das, was ich als klar und logisch ansehe, erklären. Doch je klarer sich das, was ich für ‚richtig‘ halte, in mir darstellt, umso schwieriger kann ich das euch vermitteln. Entweder bin ich zu blöde oder zu ungebildet oder rhetorisch zu ungeschickt.

Bitte entschuldigt mein Vorpreschen. Vielleicht kann ich ja später nochmals darauf zurückkommen. Wie mir scheint, kann diese Bootsreise noch eine Weile dauern“.

Der Bootslenker fährt fort:

Der Bootslenker fährt fort:

„Ok, als Lenker will ich noch einmal an den Anfang dieser Reise zurückerinnern:

Das Suchen im Diesseits und im Jenseits haben wir schon ein wenig betrachtet.

Fest steht, dass wir als Menschen nur im Diesseits aktiv oder auch passiv sein können. Was im Jenseits ist, wissen wir nicht.

Falls es überhaupt ein Jenseits gibt.

Manche machen sich darüber Gedanken, ob es ein Jenseits gibt und glauben oder phantasieren irgendetwas, was sie dann als ‚Wissen‘ deklarieren. Andere ‚sind‘ einfach hier und im Diesseits und bejahen das. Manche kontemplieren und denken. Manche dösen vor sich hin und warten auf den Tod, ohne es vielleicht zu merken. Manche merken es und nehmen Drogen. Dann geht es schneller. Und ganz andere sind einfach nur doof. Sie schauen TV, begeistern sich für Fußball oder die Formel I, schimpfen auf die Politik, haben Angst, fliehen dorthin, wo sie glauben, dass es ihnen besser geht, essen, trinken, leben gesund, vögeln, kämpfen ums physische Überleben, wieder andere treiben vielleicht ein bisschen Sport oder haben einen Garten und machen Marmelade und warten auf das Altersheim und den Tod. Wobei sie Letzteres natürlich verdrängen. Aber vielleicht sind sie auch nicht doof, sondern tun genau das, was uns Menschen zukommt, was wir können.

Ich als Bootslenker sehe meine derzeitige Situation eher wie folgt:

Ich lebe in der Sonne des Lebens, wie der vorgenannte Schmetterling. Die Sonne scheint um mich herum, auch wenn der Himmel mal trübe und wolkenverhangen ist. Doch hinter und vor mir ist pechschwarze Dunkelheit – so scheint es zumindest.

Auf den ersten Blick ist das ein erschreckender, schrecklicher Gedanke. Ich habe Angst.

Aber sofort schießen mir mehrere Fragen durch den Kopf:

‚Wovor habe ich Angst? Vor der Dunkelheit, die mich umfängt, wenn ich den Tag verlasse und mich in die ewige Nacht nach dem Tode begebe?‘

Aber alle Menschen vor mir sind doch schon diesen Weg gegangen und alle nach mir werden ihn auch gehen!

Das ist zumindest ein kleiner Trost. Ich bin nicht alleine auf dem Weg, auch wenn ich ihn letzten Endes allein gehen muss.

Insofern scheint es auf der Welt eine Gerechtigkeit zu geben, die alle Menschen und organischen Wesen, vielleicht sogar den gesamten Kosmos verbindet.

 

Oder sehe ich das mit meinem kümmerlichen Verstand nur so? Gibt es mich überhaupt? Aber könnte ich das denken, wenn es mich nicht gäbe? Ok, aber wenn es mich denn gibt, warum denke ich dann an ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘? Gibt es denn überhaupt eine ‚Zeit‘? Oder einen ‚Ort‘, an dem ich mich gerade befinde? Oder bin ich in meinem irdischen Leben nur in der dritten Dimension ‚gefangen‘? Mit der Mathematik kann ich viel höhere Dimensionen berechnen. Und in der ‚Science Fiction‘ kann ich mir in höheren Dimensionen ganz viel vorstellen: Ich kann ‚gleichzeitig‘ an vielen Orten sein, kann das ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘ erkunden, kann anderen in die Gedanken schauen, kann Welten entstehen und vergehen sehen.

 

Aber was bringen mir diese Phantasien? Wozu sind sie tauglich?

Ich möchte mich nach diesem kleinen philosophischen Exkurs und den sich daraus ergebenden Fragen, die ich vielleicht später nochmal vertiefen möchte, wieder an die Grundfrage begeben, die mich ständig wurmt:

‚Kommt nach dem Tode wirklich schwarze, undurchdringliche Nacht, ein Abgrund, in den ich falle, das Nichts? Oder gibt es vielleicht doch noch eine andere Welt, gibt es Arme, die mich auffangen? Gibt es einen schönen Weg, den ich gefahrlos gehen kann?‘

Wie komme ich bei der Beantwortung dieser Frage weiter?“

Der Bootsführer antwortet

Der Bootsführer antwortet:

„Danke für diesen interessanten Beitrag.

Ob ich ‚Bootsführer‘ oder ‚Bootslenker‘ genannt werde, ist mir ziemlich egal. Viele Menschen in Deutschland scheuen sich davor, das Wort ‚Führer‘ zu verwenden, weil es ja von 1933 – 1945 einen Diktator hier gab, der ein sehr negatives Beispiel für einen ‚Führer‘ darstellte. Es war halt ein Mensch, der sein Volk in die Irre führte.

Ich kann diese Menschen gut verstehen, die seitdem nichts mehr von einem ‚Führer‘ wissen wollen.

Andererseits aber beschneiden sie aus ‚political correctness‘ die Möglichkeiten der deutschen Sprache und schaden sich dadurch selbst. Ein ‚Führer‘ ist nun einmal mehr als ein blosser ‚Fahrer‘ oder ‚Lenker‘. Ein guter ‚Führer‘ geht voran, trägt die Verantwortung, er ‚lenkt‘ nicht nur, sondern er ‚leitet‘ auch, wie die weise Elefantenkuh die Herde leitet.

Aber da ich ja selbst gar nicht weiß, wohin unsere Reise geht, ist vielleicht der Begriff des ‚Bootsführers‘ in der Tat zu hinterfragen.

Und je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr bin ich für diesen Hinweis dankbar. Unsere Bootsfahrt ist ja eine Reise ins Ungewisse, ich weiß nicht, wo unsere Reise hingeht, kenne das Ziel nicht, ich weiß nicht einmal, wo die Reise des Bootes begann, wir alle sind ja nur irgendwo zugestiegen. Vielleicht zerschellen wir an irgendwelchen Stromschnellen, vielleicht purzeln wir einen Wasserfall hinunter, vielleicht versinken wir in der Tiefe. Vielleicht segeln und rudern wir aber auch in das Paradies. Ich weiß es nicht. Das einzige, was ich einigermaßen kann, ist das Boot mit technischen Mitteln und einigen Navigationskünsten in der vermuteten Fahrrinne zu halten.

Also bin ich der ‚Bootslenker‘. Ich hoffe, ich setze das Schiff nicht an den nächsten Felsen.“

Der erste Mitreisende fährt fort

Der erste Mitreisende fährt fort:

„Klar, dieser ‚Herr Möller‘ spielt den Naiven. Er wirft in den wenigen Minuten seines Redebeitrages öffentlichkeitswirksam und populistisch alles zusammen – Religion, Philosophie, Staat – zimmert daraus ein diffuses Gebäude aus ‚Aufklärung und Humanität‘ und endet in einem Aufruf zur ‚Ethik für die Menschen und alle anderen Tiere‘. Er spricht vom Glauben ans ‚Diesseits anstatt dem Jenseits‘ und hält es mit dem Motto: ‚lieber Heidenspaß anstatt Höllenqual‘.

Er kommt vom Glauben an das Gute und Böse und die Bekämpfung der ‚Anderen‘ in den Religionen zu Epikur (seltsam: Platon und Aristoteles lässt er weg, sind wohl zu unbedeutend) über Kant, Nietzsche und Feuerbach zum Papst, zur Steuerung der katholischen Kirche durch den Vatikan, zur Kirchensteuer in Deutschland und Verwendung derselben, zu unseren Politikern und den ‚Werten des christlichen Abendlandes‘ (die ja erst gegen die Religionen erkämpft werden mussten) bis hin zur Homophobie und Islamophobie. In 2000 Jahren habe sich das Christentum von den alten Mythologien und einer ‚primitiven Herdenkultur‘ zu seiner heutigen Form entwickelt.

Unser Bootslenker hat vorhin über die Atheisten gesagt (oder war es über die Ungläubigen oder hat er beide auf einen Haufen geworfen?):

‚Ein bisschen graust es mir vor diesen Menschen‘

Ja, so kam mir die Rede des ‚Herrn Möller‘ vor. Ein bisschen graust es mir vor diesem und allen anderen, die ihm begeistert zuklatschen.

Ich denke, die Menschen sind ‚Rosinenpicker‘. Unsere derzeitige Bundeskanzlerin Merkel hat diesen Ausdruck nach der Volksabstimmung im Vereinigten Königreich zum EU-Austritt verwendet. Die ‚EU-Nein-Sager‘ wollen nicht mehr dazugehören, aber trotz des Austritts keine Nachteile daraus haben. Die anderen EU-Bürger, die (noch) dazugehören, wollen aber aus ihrer EU-Mitgliedschaft nach Möglichkeit ausschließlich Vorteile haben. Der Begriff der ‚Solidarität‘ ist zum Fremdwort geworden.

War unsere ganze bisherige Menschengeschichte ein Fehler? Sind und waren alle Religionen unnötig oder sogar schädlich? Was ist mit der Geschichte der Religionen und der Philosophie? Können wir uns aus dieser und aus der Menschengeschichte insgesamt nur die uns passenden ‚Rosinen‘ herauspicken?

Haben denn so viele Menschen keine Lust mehr zu denken? Gewiss, wir können uns Begriffe heraussuchen, die uns gerade in den Kram passen, wie z.B. ‚Demokratie‘, ‚Humanismus‘, ‚Humanität‘, ‚Aufklärung‘, ‚Ethik‘, und diese in oberflächlichster Art und Weise hinausposaunen. Das Ganze wird einigermaßen rhetorisch geschickt mit lustigen Wortspielen garniert, und schon haben wir die Klatscher auf unserer Seite und auch in den sozialen Netzwerken kommt es gut an.

Ich stelle mir die Frage, wie es mit unserer Bildung weitergeht. Was soll aus unseren Kindern und Enkeln werden? Oder ist das bei unserer Bootsfahrt nicht so wichtig?“

 

Der erste Mitreisende erwidert:

Der erste Mitreisende erwidert:

 „Das ist aber viel auf einmal!

Ich habe verstanden:

Niemand weiß etwas. Unser Verstand bringt uns aber dazu, etwas zu suchen. Suchen können wir jedoch nur im Diesseits. Das Jenseits ist uns verschlossen.

Dabei, so habe ich gehört, macht das Jenseits aber die viel größere Zeit aus. Das erscheint mir plausibel. Die meiste ‚Zeit‘ waren wir nicht da und werden wir nicht da sein.

Andererseits aber scheinen offenbar viele Menschen gar nicht an ein ‚Jenseits‘ zu glauben. Also: Alles was vor mir war und was nach meinem Tode sein wird, ist unbedeutend, spielt keine Rolle. Jedenfalls nicht für mich. Ich bin, erdgeschichtlich gesehen, sozusagen eine ‚Eintagsfliege‘.

Das kann ich einfach nicht glauben. Bin ich so unbedeutend? Ist alles, was ich denke und fühle, wo ich herkomme und hingehe, irrelevant? Wozu habe ich meinen Verstand? Was bedeutet die Liebe – nicht nur die sexuelle, sondern die Liebe insgesamt?

Die Atheisten argumentieren mit den Naturwissenschaften und mit den Philosophen. Neulich habe ich eine Rede von einem gewissen ‚Philipp Möller‘ gehört, der von vielen beklatscht und als ‚kluger Kopf‘ bezeichnet wurde. Eine atheistische Stiftung hat ihn sogar in ihren Beirat aufgenommen.

Ich habe seine Rede mehrfach angehört und bin aus ihm nicht klargekommen:

Er vergleicht Gott mit der ‚Zahnfee‘ – es sei ebenso absurd, an ihn zu glauben, wie an sie. ‚Beweisen‘ könne man beide nicht.

Seiner Ansicht nach ist also jeder Mensch, der sich Gedanken über sich selbst, das Diesseits und das Jenseits macht, sich nicht einfach mit den oberflächlichen ‚Erkenntnissen‘ der heutigen Naturwissenschaften zufriedengibt und nach einem Gott sucht, ein kindliches Gemüt, das an die ‚Zahnfee‘ glaubt.

Welch kindliches Gemüt ist dieser Herr Möller, muss ich da sagen!“

Und weiter geht’s mit dem Boot

Der Bootsführer antwortet:

„Die Atheisten oder Ungläubigen aller Art haben es einfach. Ihre Gedanken drehen sich ums Diesseits. Sie leben hier und heute. Was davor oder danach war, ist ihnen nicht so wichtig. Die Naturwissenschaften geben ihnen viele Erklärungen. Was sie heute noch nicht erklären können, können sie vielleicht in Zukunft lösen. Irgendetwas war zwischen Urknall und Urknall. Oder wird sein. Vielleicht noch davor oder danach oder in einer anderen Dimension, die wir heute zwar noch nicht verstehen, aber leicht berechnen können. Die Mathematik macht vieles möglich.

Und was das Leben betrifft, so ist es eine Ansammlung spezieller Moleküle, die wieder zerfallen. Die ‚Seele‘ ist eine Erfindung dieser Moleküle.

Diese Menschen haben offenbar kein Problem mit den Grenzen ihrer heutigen Erkenntnismöglichkeit. Alles lässt sich berechnen, früher oder später. Vielleicht gibt es auch ein ‚Nichts‘, wenn es sich denn irgendwann mal berechnen lässt.

Manche von ihnen meinen, dass sie schon ein bisschen, aber vielleicht insgesamt – noch – nichts wissen. Aber das wird schon kommen. Irgendwann werden sie wissen. Oder vielleicht auch nicht. Auch der Atheismus macht vieles möglich.

Vielleicht werden sie ja mehr wissen, wenn sie tot sind. Aber das ist, naturwissenschaftlich gesehen, aus heutiger Sicht unbeweisbar.

Ein bisschen graust es mir vor diesen Menschen.

Jetzt aber zu den Gläubigen:

Wer wirklich ‚glaubt‘, ist sich seiner Sache ja sicher. Wer aber sicher ist, braucht nicht mehr zu suchen.

Also sind gläubige Menschen keine suchenden Menschen mehr. Oder?

Vielleicht müssen wir dabei differenzieren:

  •  Die Festigkeit des Glaubens
  • Der Inhalt des Glaubens
  • Glauben nach dem Wort
  • Glauben an Symbole

Es gibt ja, extrem gesagt, Menschen, die an ‚Gott den Vater‘, ‚Allah, den Allmächtigen‘ oder ‚Jahwe, den Ewigen‘ glauben und diesbezüglich keinen Zweifel haben. oder auch an Außerirdische oder Engel oder Naturgeister, kosmische Energien, Seelenmeere und Seelenwanderungen, Inkarnationen oder irgendwelche Götter und sich dabei ihrer Sache so ‚sicher‘ sind, dass sie gar versuchen, andere zu überzeugen oder zu bekehren.

Ihre Überzeugungen nehmen sie von Priestern, aus Büchern, von den Eltern oder Lehrern, Missionaren, Heilkundigen, Sehern, Mönchen und Gurus aller Art, oder sogar aus dem Internet oder dem Fernsehen.

Manche studieren sogar Philosophie, Theologie oder Religionswissenschaften und beten dann passiv das daher, was ihnen davon am plausibelsten ist oder bauen auf der Grundlage des von ihnen Erlernten aktiv neue Gedankengebäude auf.

Diese Menschen sind teils Gläubige, teils Ungläubige, aber alle haben sie eines gemeinsam:

Sie wissen nichts.

Der Unterschied zwischen diesen Menschen besteht lediglich darin, dass die Naiven davon glauben, ‚dass sie etwas wissen‘, die Scharlatane oder Heuchler ‚so tun, als ob sie etwas wüssten‘, die Klügeren aber zugeben oder zumindest einräumen, dass sie ‚eigentlich nichts wissen‘.

Den wirklichen Gläubigen aber ist das völlig egal, ob sie etwas wissen oder nicht. Sie haben ihren Seelenfrieden gefunden.

Hier fällt mir das Wort ein ‚Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich‘ (Matth. 5, 1-3).

Abgesehen von den verschiedenen Deutungen dieser Passage, vom griechischen Wortlaut her oder aus lutheranischer oder katholischer Sicht, bleibt eines festzuhalten:

Die angehenden Seligen wissen nichts, wollen nichts wissen, wenn überhaupt, dann wissen sie, dass sie nichts wissen, aber sie brüsten sich nicht damit und stellen sich auch niemals über andere.

Die aber glauben, etwas zu wissen und andere zu überzeugen versuchen, stellen sich damit über andere. Solche Menschen sind nach dieser Definition keine ‚Gläubigen‘, sondern eher ‚arme Seelen‘.

Die Gläubigen aber unterscheiden sich aber grob gesagt in zwei Kategorien:

  • Die einen sind mit ihrer Unwissenheit zufrieden und folgen Vorbildern
  • Die anderen fragen, wozu sie ihren Verstand haben und fangen an zu suchen. Auch sie können sich an Vorbildern orientieren, aber eben nur zum Teil. Deshalb gehen sie auf diese Bootsreise.“

Weiter auf der Bootsreise

So weit die erste Erzählung des Bootsführers.

Ein Mitreisender fragt:

„Wenn ich nichts weiß, aber suche, so kann ich doch nur im Diesseits suchen mit meinem Verstand.

Das Jenseits ist mir verschlossen, in beide Richtungen, wenn wir das zweidimensional betrachten. Also das Jenseits vor meinem Leben und das Jenseits danach. Ich weiß also weder, woher ich komme, woher alles kommt, noch wohin ich gehe, wohin alles geht.

Natürlich  versuchen wir, auch im Jenseits mit dem Verstand zu suchen.

Hilfsmittel sind mir dabei

  • die Naturwissenschaften
  • die Philosophen und die Gelehrten aller Zeit und ihre Bücher
  • die sogenannten ‚heiligen‘ und ‚mystischen‘ Bücher
  • die religiösen ‚Fachleute‘ z.B. als Dialogpartner.

Aber ständig stoßen wir dabei an unsere Grenzen, an die Grenzen unserer Erkenntnismöglichkeiten und die Grenzen unseres Menschenverstandes.

Für ein gelöstes Problem tun sich wieder zehn neue, ungelöste auf. Und am Ende müssen wir feststellen, dass wir eigentlich nichts wissen.

Schließlich bleiben

  • der Glaube, an was auch immer
  • die Hoffnung auf ein Zeichen, auf eine klitzekleine ‚Erkenntnis‘
  • das Warten auf den Tod und die Hoffnung auf eine ‚Erleuchtung‘ danach.

Kann das denn befriedigend sein? ‚Glauben heißt nicht wissen‘, heißt es in einem Sprichwort.

Vielleicht kann ich auch mit dem Glauben suchen? Und am Ende auf diesem Weg zum ‚Wissen‘ gelangen?“

Woher – Wohin?

Eine Einladung zum – gemeinsamen – Reisen ins Ungewisse

Begonnen in Bad Birnbach im August 2016

Unsere Grundlagen sollen sein:

 

  1. Ich weiß nichts
  2. Ich suche

 

Wer also meint, er wisse etwas und wer meint, er müsste nichts mehr suchen:

Bitte nicht einsteigen!

Warum nicht?

Wer etwas weiß und wer nichts sucht, braucht diese Reise nicht.

  1. Alle anderen brauchen einen solchen Reisegefährten nicht; denn: was sollen wir mit einem Reisegefährten[1], der bereits angekommen ist, bevor wir uns auf die Reise begeben? Und was soll er mit uns anfangen?
  2. Wer allerdings meint, er könne vielleicht schon etwas wissen und meint, er könne vielleicht dennoch etwas Neues finden, bitte einsteigen: der gefahrlose Ausstieg ist bei dieser virtuellen Reise ja jederzeit möglich.

 

Also, nun geht’s los:

Schon seit jeher gingen die Menschen auf Reisen: Zu Fuß oder mit einem Hilfsmittel. Lassen wir die „modernen“ Hilfsmittel wie das Auto, den Zug oder das Flugzeug außer Betracht und betrachten wir die Tiere als Lebewesen mit eigener Seele und nicht als domestizierte „Hilfsmittel“ für den Menschen[2], so bleibt eigentlich neben unseren Füßen nur das Boot.

Stellen wir uns unsere Reise daher am besten als eine Schiffsreise vor: Nicht auf einem großen Ozeanriesen, dem man fälschlicherweise Unsinkbarkeit zutraut, aber auch nicht auf einem Flussschiff mit bequemen Kabinen und ständigen Schlemmangeboten, sondern als eine Reise auf einem kleinen oder auch größeren Holzboot, das flach auf dem Wasser liegt, wenigen oder auch vielen Reisenden Platz bietet, auf einem Fluss dahingleitet, mit Stromschnellen und Untiefen kämpft oder auch auf einem See oder dem Meer irgendeinem Ufer zustrebt. Angetrieben wird das Boot vom Wind und mit Segeln oder mit Rudern und unserer Kraft.

Bevor das Boot ablegt, sollten wir einige Regeln für die Fahrt festlegen:

  1. Jeder Reisende sollte versuchen, so ehrlich zu sein, wie er kann.
  2. Jedes Wort, jede Behauptung kann und sollte nach Möglichkeit hinterfragt werden. Nichts ist selbstverständlich.
  3. Das Boot steht jedem offen. Jeder kann jederzeit zu- oder wieder aussteigen.
  4. Kritik ist gewollt und ausdrücklich erlaubt.
  5. Beschimpfungen anderer sind möglich und zulässig –das Verachten anderer jedoch nicht.

 

Erster Test für die Bootsreise

Der Bootsführer erzählt:

„Die Dunkelheit der menschlichen Geschichte ist die Dunkelheit, die allen gemeinsam ist. Sie reicht vom Land der Toten bis an das sonnige Land des diesseitigen Lebens und geht nach unserem kurzen Dasein als Mensch sofort wieder nahtlos weiter bis in die Unendlichkeit, wieder als Land der Toten, zu dem ich dann auch gehören werde.

Im Grunde sind wir fast immer nur im Land der Toten. Es ist viel größer als unser diesseitiges Leben.

Vielleicht sind wir sogar immer nur im Land der Toten, merken es nur nicht, wenn die blendende Sonne des Lebens auf uns scheint. Dann fangen wir an, wie kältestarrende Würmer, Insekten oder Reptilien erst langsam und dann immer wilder hin- und herzuzappeln, fangen an zu leben, suchen uns selbst, suchen Partner, versuchen, uns fortzupflanzen, bis die helle Sonne im Land der Toten weiterwandelt und die nächste Generation zum Zappeln bringt.

Aus diesem Gesichtspunkt ist es gar kein Leben an sich, sondern nur eine kurze Unterbrechung des Todes, die wir „Leben“ nennen.

Oder: anders ausgedrückt, die riesige Zeit des Todes wäre das eigentliche Leben, unser Zappeln unter der Sonne ist nur ein vorübergehender Zustand, der uns alle einmal (oder vielleicht auch mehrfach) trifft.

Was sich in dieser kurzen Sonnenzeit abspielt, ist vielleicht eine Metamorphose, wie wir sie von den Insekten kennen: Geburt, Leben und Tod sind Stadien wie Raupe – Puppe – Imago (z.B. beim Schmetterling), und dann geht es weiter zur nächsten Insektengeneration.

Das Eigentümliche dabei ist, dass wir uns während der Raupen- und Puppenzeit nicht mehr an die Zeit des vollentwickelten Insekts erinnern können und die Zeit des Schmetterlings gleichzeitig ersehnen und fürchten. Denn wenn wir als Schmetterling voll aufgeblüht sind, geht die Sonne des Lebens weiter, und ganz schnell folgt der Tod.

Aber was kümmert uns das, solange wir im Diesseits leben?

Damit sind wir auch schon bei der persönlichen Dunkelheit.

Unsere persönliche Dunkelheit, also unser Gelerntes aus dem uns unbekannten Dunkel davor, ist sozusagen nur ein Spezialfall der geschichtlichen Dunkelheit, die jeden Einzelnen betrifft.

Vor dem Leben hat also jeder seine eigene, pränatale Dunkelheit: die Toten vor ihm haben ihn in die Metamorphose geschickt. Nach dem Tode geht es selbst erneut ins Totenreich, mit oder ohne Betrachtung der nächsten Generation.

So interessant dieser Vergleich aus dem Insektenreich auch ist, so wirft er sofort auch zahlreiche neue Fragen auf:

  •  Was geschieht mit den alten, abgestorbenen Schmetterlingen?

Sie zerfallen zu Staub, so wie auch die neuen zu Staub zerfallen werden.

Demnach wären nur die Stadien „Raupe, Puppe, Schmetterling“ das „Leben“. Der Rest wäre Staub.

  •  Woher kommt der organische Staub?
  •  Welche Rolle aber spielt die Sonne, die das alles erst ermöglicht?

Uns als Insekten könnte das natürlich egal sein. Wir sind ja nur Insekten. Das „Reich der Toten“ interessiert viele nicht. Für sie gibt es nur Staub.

Aber seltsamerweise reicht das vielen von uns nicht; denn wir haben einen fragenden und suchenden Verstand mitbekommen.

Wir fragen uns immer nach dem „Woher“ und „Wohin“, nach den Ursachen, dem Sinn und nach einem „Urgrund“ – oder auch nach einem Schöpfer.“

[1] Auf der ganzen Reise wird die männliche Form gewählt, aber nur zur Sprachvereinfachung. Selbstverständlich ist alles für Männer, Frauen und Andersgeschlechtliche gleichermaßen gültig.
[2] Ich bitte alle Reiter, Kutscher und Hundeschlittenfahrer ausdrücklich um Nachsicht